15.Sonntag C: Den Menschen in den Blick nehmen

Tageslesungen
Dtn 30,9c-14 | Kol 1,15-20 | Lk 10,25-37

Und wer ist mein Nächster? (Lk 10,29b)

Geburtshelfer wissen es: Mütter, deren Kind zur Adoption direkt nach der Geburt freigegeben wurde, dürfen das Neugeborene nicht sehen! Denn der Blick löst stärkere Muttergefühle aus, als der 9monatige Körperkontakt.

Im „kaukasischen Kreidekreis“ erzählt Bert Brecht von der Magd Grusche, der das Kind der Gouverneurin zugeschoben wird, die geflohen ist. „Es schaut einen an wie ein Mensch“, sagt sie und andere warnen sie: „Dann schau du’s nicht an“. Schließlich kann sie es doch nicht lassen. Der Sänger, der im Stück als Kommentator auftritt, stellt fest: Lange saß sie bei dem Kinde bis der Abend kam, bis die Nacht kam. Bis die Frühdämmerung kam. Zu lange saß sie! Zu lang sah sie.“
Sie nimmt das Kind an und sorgt für das Kind.

Der Blick eines Menschen ist mehr als die Abbildung des Lichtes auf der Netzhaut. Das Auge ist mehr als eine Kamera.

Der Blick eines Menschen kann den Menschen verwandeln, ihm eine Welt eröffnen, die er bisher nicht wahrgenommen hat: Denken Sie an die Magd Grusche oder an die vielen Beispiele, wo Menschen einander kennen und lieben gelernt haben.

Vom Blick ist auch im heutigen Evangelium die Rede. Zwischen Jerusalem und Jericho ist ein Mann unter die Räuber gefallen. Halbtot lassen sie ihn in der Wüste liegen.

Ein Priester und ein Levit kommen des Weges, von beiden heißt: „er sah ihn und ging weiter! (besser noch: ging auf die andere Straßenseite)“

Sie nehmen den Anspruch, der sie im Blick trifft nicht wahr! Sie schauen wie eine Kamera.

Ein dritter kommt des Weges: ein Samariter, ein Ausländer, einer von denen, mit denen die Juden in offener Feindschaft lebten. Von ihm heißt es: er sah ihn und hatte Mitleid – besser noch: er hatte Erbarmen.

Das Wort „Erbarmen“ hat im hebräischen die gleiche Wurzel wie das Wort“Mutterschoß“.

Erbarmen haben bedeutet also nicht: von oben herab ein Almosen geben.
Erbarmen bedeutet: zugewandt, zugeneigt sein wie die Mutter auf das Kind bezogen ist.
Erbarmen haben – heißt: unsere Existenzen werden miteinander verknüpft.

Da ist es nur konsequent, was dann beschrieben wird: er ging zu ihm hin.

Der Samariter handelte, er tat, was für den Augenblick notwendig war. Der Blick hatte ihn verwandelt: aus dem Feind wurde der Nächste. Die Reise wird unterbrochen. Im Blick lag der Anruf, den er wahrnimmt. – er ermöglicht das Leben.

Das Wort Jesu an den Gesetzeslehrer Geh hin handele genau so! ist auch das Wort Jesu an uns.

Es gibt viele Menschen an unserem Weg, viel zu viele.
Nicht alle brauchen mich, können mich gebrauchen – und: ich kann nicht allen helfen.
Das Evangelium lädt uns ein:
mit offenen Augen durch die Welt zu gehen,
die Menschen wirklich in den Blick zu nehmen,
den Anruf zu hören, der uns auf diesem Weg erreicht,
vor allem aber, dass wir Erbarmen haben,
dass ich meine Existenz mit der Existenz des anderen verknüpfe – weil sein Anblick mich verwandelt hat.

(c) Wilfried Schumacher

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14.Sonntag C: Die Schafe müssen den Hirten vorangehn.

Tageslesungen
Jes 66,10-14c | Gal 6,14-18 | Lk 10,1-12.17-20

„Geht! Siehe ich sende Euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“ (Lk 10,3)

Würden Sie da mitmachen? Würden Sie sich senden lassen als wehrloses Schaf in ein bissiges Wolfsrudel. Nein, danke – da würden wir abwinken und fragen: gibt es vielleicht eine Alternative?

Die gibt es nicht! Die Verse aus dem 10.Kapitel des Lukas-Evangeliums sind so radikal – dass man sie am liebsten mit vielen gutgemeinten Worten entschärfen möchte – und das können wir als Kirche gut, wenn es um die Radikalität der Botschaft Jesu geht.

Stellen wir uns dieser Botschaft:
„72“ sendet Jesu aus – die 12 Apostel reichen für das Projekt nicht aus. „72“ braucht er – eine symbolische Zahl gewiss – 72 bedeutet die Weltbevölkerung in ihrer Gesamtheit und sagt uns, hier geht es nicht nur um die Städte und Ortschaften Palästinas. „72 andere“ – vielleicht waren auch Frauen dabei. Nehmen wir es mal an, denn ohne die Frauen ist das Reich Gottes nicht denkbar.

Zu zweit“ sendet Jesus sie aus – diese „Kleinigkeit“ hat die Kirche bald vergessen. Aus den Zweiergruppen sind sehr schnell Einzelkämpfer geworden bis heute– eingebunden in eine Hierarchie, die immer nur den Einzelnen kennt – drüber oder drunter. Aber Jesus wusste schon, gemeinsam geht es besser. Zu zweit kann man sich stützen und schützen, einander helfen, trösten, gemeinsam Frust abbauen, usw., wenn es um die Verkündigung der Botschaft Jesu geht.

Es geht ihm dabei darum, dass seine zentrale Botschaft verkündet wird: Das Reich Gottes ist nahe! Diese Botschaft ist ihm so wichtig, dass die Jünger sie sogar noch dort hinterlassen sollen, wo man sie ablehnt: „selbst den Staub, der an unseren Füßen klebt, lassen wir zurück; doch das sollt ihr wissen: das Reich Gottes ist Euch nahe.“(Lk 10,11)

Jesus wusste, was er wollte, als er seinen Jüngern empfahl:
Geht arm und ungeschützt zu den Menschen.

  • Vermeidet jeden Verdacht, in die eigene Tasche wirtschaften zu wollen (indem ihr etwa von Haus zu Haus zieht und euch überall das Beste heraussucht).
  • Redet nicht nur vom Gottvertrauen, sondern lebt danach, indem ihr jeden Tag darauf wartet, dass euch das Nötige (das ‚tägliche Brot‘ des Vaterunsers) gegeben wird.
  • Je weniger ihr euch selber und dem Geld dient, desto mehr dient ihr Gott, desto mehr folgen euch die Menschen, desto mehr tragt ihr dazu bei, dass das Gottes Reich auf Erden ankommt.“

Wir spüren, dass er recht hat: unsere Kirche hat zur Zeit eine Glaubwürdigkeitskrise, nicht nur wegen der furchtbaren Missbrauchsfälle. Das Geld steht viel zu oft im Vordergrund kirchlichen Denkens und Handelns, unsere Kirche ist reich. Oft geht es nur um Machterhalt, ums Recht haben und Recht behalten. Das Thema „Frau in der Kirche“ beschäftigt zur Zeit viele. Was können wir tun angesichts des Priestermangels? Was für ein Gewicht hat die Liebe zwischen zwei Menschen, auch wenn es zwei Männer oder zwei Frauen sind? Die Liste der Gründe für die gegenwärtige Situation der Kirche ist lang. Wir brauchen dringend den synodalen Weg, das Gespräch von Bischöfen, Priestern und Laien auf Augenhöhe, das Ringen um die Wege in die Zukunft.

Jesus selbst gibt dafür die Wegweisung: an seiner Botschaft muss sich alles Handeln orientieren: Das Reich Gottes ist nahe!

Doch schon in unserem Evangelium wird klar: der Mensch kann sich weigern, diese Botschaft anzunehmen –aus Angst, Desinteresse oder Misstrauen. Und das erleben wir auch:

Da, wo wir leben am Arbeitsplatz, im Verein, in der Nachbarschaft, in der eigenen Familie, überall. Dort treffen wir mit unserer christlichen Überzeugung auf Gleichgültigkeit und auf Ablehnung. Auf Menschen, die uns zurückweisen. Die nichts davon wissen wollen.

In manchen Situationen braucht es vielleicht ein klares Zeichen der Abgrenzung. Ich schüttle den Staub von meinen Füßen. Mit Dir will ich nichts zu tun haben, nicht mal deinen Dreck will ich haben, um in der Sprache des Evangeliums zu bleiben.

Trotzdem: das Reich Gottes ist nahe. Wir müssen nicht nur frustriert sein, wir können uns weiter bemühen, Frieden zu stiften, Menschen zu heilen in ihrer Traurigkeit, in ihrer Verzweiflung, in ihrem Gefühl, nichts wert zu sein.

Menschen, die so handeln, deren Namen sind im Himmel verzeichnet. Das ist nicht kein Verzeichnis von Fleißkärtchen, die wir am Ende des Lebens vorweisen können. Wer im Himmel verzeichnet ist, der gehört zum Himmel, zu Jesus, zu Gott.

Mit dieser Aussicht lässt sich dann auch aufbrechen – wie Schafe, d.h. wenigstens zu zweit, miteinander, auch unter die Wölfe. Und manchmal müssen die Schafe dabei auch den Hirten vorangehn.

(c) Wilfried Schumacher

13.Sonntag C: Erkennungszeichen Aufbruch

Tageslesungen
1 Kön 19,16b.19-21 | Gal 5,1.13-18 | Lk 9,51-62

Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluß, nach Jerusalem zu gehen. (Lk 9,51)

Von Franz Kafka ist uns eine kurze Erzählung mit dem Titel „Der Aufbruch“ erhalten: »Ich befahl, mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tor hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitest du, Herr?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.“

„Nur weg von hier!“ – präganter kann man einen Aufbruch nicht beschreiben.

Aufbruch – das ist vor allem ein biblisches Thema:

  • Denn, was wäre aus Israel geworden, wenn das Volk nicht immer wieder in der Wüste aufgebrochen wäre?
  • Welche Dynamik und Freude steckt im AufbruchW der Hirten aus der Weihnachtserzählung: „Kommt, wir gehen nach Bethlehem …!“
  • Was wäre aus dem Apostel Paulus geworden, wenn er nicht immer wieder aufgebrochen wäre auf gefahrvolle Wege zu Land und zu Wasser gewagt hätte?

Und schließlich der Aufbruch aller Aufbrüche, von dem das heutige Evangelium erzählt: die Entscheidung Jesu, nach Jerusalem zu gehen, um zu den Willen des Vaters zu erfüllen.

„Als die Zeit seiner Aufnahme sich erfüllte, machte er das Angesicht hart zu gehen nach Jerusalem.“, so die wörtliche Übersetzung des griechischen Textes.

Einige Grundzüge echten Aufbruchs werden hier sichtbar – sie decken sich mit den Erfahrungen unseres Lebens, das auch immer wieder Aufbrüche kennt.

• Aus der Sicht des Glaubenden ist der Aufbruch ein geistlicher Prozess. Was will Gott von mir in dieser Situation? Jesus weiß darum und tut, was jetzt an der Reihe ist.

Aufbruch bedarf des Entschlusses und der Entschiedenheit. Jesus lässt sich auf seinem Weg von niemandem behindern oder abhalten. Auch nicht von den Samaritern, die ihm die Gastfreundschaft verweigern, weil er ihrer Meinung nach das falsche Ziel hat. Für sie fand man das Heil in Samaria und nicht in Jerusalem.

Aufbruch ist Bewegung auf ein Ziel hin, keine Flucht. – Dabei geht gar nicht darum, einen Ort zu verlassen. Ich kann auch aufbrechen aus Gewohnheiten, aus Haltungen, aus Einstellungen.

Aufbruch richtet das Leben aus, nach vorne, in die Zukunft, gibt ihm Sinn und Erfüllung.

Wer den Aufbruch wagt, muss auch mit Hindernissen rechnen und sie überwinden wollen.

Schauen Sie einmal auf die Aufbrüche in Ihrem Leben. Kein Leben geschieht ohne Aufbrüche, ohne Bewegung – hoffentlich.

Wir tun gut daran, für Möglichkeiten des Aufbruchs sensibler zu werden und sie als Glaubende zu deuten.

Es gilt, ein Gespür für Aufbrüche zu entwickeln – für stille und dramatische, für geplante und unerwartete, von innen kommend oder von außen angestoßen.

Solange ein Leben von Aufbruchstimmung geprägt ist, bleibt es Dynamisch, hat es Sinn und Ausrichtung. Selbst dann , wenn jemand aufbricht zu seinem letzten irdischen Weg.

Das erste Wort, das Papst Franziskus den Kardinälen nach seiner Wahl mitgab, war das Wort „camminare“ – einen Weg machen. Wer einen Weg machen will, bricht auf!

So wird das Aufbrechen schon fast zu einem Erkennungszeichen des glaubenden Menschen. Der Herr macht es uns vor. Lassen wir uns darauf ein, persönlich, als seine Gemeinde vor Ort, als seine Kirche. Wagen wir den Aufbruch!

12.Sonntag C: Jesus, ein Spielverderber?

Tageslesungen
Sach 12,10-11; 13,1 | Gal 3,26-29 | Lk 9,18-24

Community – ein neues Wort für eine alte Sache – „Gemeinschaft“. Community – damit sind heute oft die virtuellen Communities gemeint, die sozialen Netzwerken, die über den Globus hinweg Menschen verbinden, ob sie nun Facebook heißen, oder Twitter, Snapchat, YouTube – wie auch immer..

Wieso haben sie einen solchen Zulauf? Vielleicht weil wir uns alle danach sehnen, wenigstens zu einer Gemeinschaft , einer Community dazu zu gehören. Viele suchen sich deshalb temporäre Lebensgemeinschaften, in die sie freiwillig ein- und austreten können, entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen.

Für die christliche Gemeinschaft gilt das nicht. Die Gemeinschaft der Getauften verträgt kein Klassen- und kein Standesdenken, nicht die Aufteilung in Geschlechter, in Altersgruppen, in Einheimische und Fremde, in Gesunde und Kranke, – oder wie es der Apostel formuliert: „ Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.  Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,27 – 28)

Diese Gemeinschaft ist real, nicht virtuell, und steht unter der großen Frage: „Ihr aber, für wen haltet Ihr mich?“ (Lk 9,20) Wir spüren, bei der Antwort geht es nicht um den Katechismus, nicht um eine Sammlung von auswendig gelernten Glaubenswahrheiten. Hier geht es um uns ganz persönlich. Hier geht es um unsere Beziehung zu Christus.

Beziehungen aber haben es heute schwer; denn wir leben in einer Zeit, in der alles zum Event, zum Erlebnis werden – der Einkauf, die Reise, der Kinobesuch, auch die Beziehung, und auch der Glaube. Das Leben ist die Fülle seiner Möglichkeiten, sagt die Erlebniswelt.

Da wirkt die Stelle im heutigen Evangelium wie Faustschlag: „Wer sein Leben retten will, sagt Jesus, der wird es verlieren“. (Lk 9, 24) Der Widerspruch zur Erlebniswelt scheint nicht nur unüberbrückbar, er ist es auch! Jesus also der Spielverderber, der den Menschen nichts gönnt.

Bevor wir so urteilen: schauen wir auf uns selbst: Widerspruch ist ja auch in uns selber. Am liebsten wäre den meisten wahrscheinlich beides: ein Leben als Fülle aller Möglichkeiten auszuschöpfen, gleichsam von Erlebnis zu Erlebnis zu leben- und ein Leben als Fülle von guten Taten für andere.

Zugleich aber wissen wir auch, daß beides zusammen nicht geht. Es geht uns, wie dem Petrus, der versucht hat, dem Herrn dienen und dann, wenn dieser Dienst mühsam zu werden beginnt, schnell die eigene Haut rettet.

Es gibt nicht das „Sowohl-als-auch“ – jeder, der es schon einmal versucht hat, weiß wie einen dieses Lebensprinzip zerreißen kann.

Gelungenes Leben braucht Eindeutigkeit: Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten.

Ein Wort, das auch Furcht auslöst, denn ich könnte doch etwas verpassen, etwas verlieren, ohne etwas zu finden.
Vielleicht beginnt die Nachfolge Jesu in diesem Wort mit der Ehrlichkeit:
genau so sind wir –

  • wie der reiche Jüngling, der erfülltes Leben dringend begehrt und doch im letzten Augenblick davor zurückschreckt und den ihm vertrauten Weg geht, der ihn nichts kostet;
  • wie der Tempeldiener und der Priester, die an dem ohnmächtigen Menschen im Graben vorübergehen und dabei nur auf sich selber sehen.

Jesus kennt unsere Zerrissenheiten ganz genau. Er weiß wie oft wir nur das Beste wollen und es doch verfehlen, weil wir am Bequemen hängenbleiben.

So dürfen wir sein. Wir verlieren seine Zuwendung dennoch nicht. Er weiß, wie schwer der Weg ist, von dem er spricht und den er lebt. Und gerade deswegen spricht er immer wieder davon. Er will, daß wir den Weg wagen, weil er weiß, daß dieser Weg nicht nur ihm, sondern allen Menschen in der Tiefe das Heil bringen wird.

Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es retten.

Das heißt:

  • Wer auf sein Recht verzichtet und Gnade walten läßt, wird Leben verlieren und finden.
  • Wer auch in einer angeblichen Ausweglosigkeit nach Möglichkeiten zum Frieden sucht, wird Leben verlieren und finden.
  • Wer anderen Menschen aus der Verachtung durch Menschen heraushilft, wird Leben verlieren und finden.
  • Wer um der Liebe willen Leid auf sich nimmt, wird Leben verlieren und finden.
  • Wer teilt, was ihm gehört, wird Leben verlieren und finden.

Vielleicht geht es gar nicht darum, dies sofort und immer vierundzwanzig Stunden am Tag zu tun, sondern zuerst darum, es einmal zu tun, ein einziges Mal, um von dem Heil zu kosten, das in Jesu Worten liegt. Und es dann immer wieder zu tun, um darin das Leben zu finden.

(c) Wilfried Schumacher

Fronleichnam – den Aufbruch wagen

Tageslesungen
Gen 14,18 – 20 | 1 Kor 11,23-26 | Lk 9,11b-7

Rund 150.000Deutsche wandern Jahr für Jahr aus Deutschland aus. Die einen aus Abenteuerlust, die anderen weil sie sich eine günstigere Perspektive für ihren Beruf oder bessere Aufstiegschancen erhoffen. Andere meinen, im Ausland mit ihrer geringen Rente besser zurecht zu kommen, und manche kehren der großen Liebe wegen ihrem Heimatland den Rücken zu.

Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde „–so haben wir dieses von Fronleichnamsfest hier auf der Insel Juist in diesem Jahr überschrieben. „Zieh das Land das ich dir zeigen werde“, ist allerdings nicht nur ein Motto, das die Situation der Auswanderer beschreibt. Das Leben vieler Menschen kennt heute die Notwendigkeit, Gewohntes zu verlassen und Neues, Unbekanntes anzustreben.

Im Gegensatz zu den Generationen vor uns ist heute die Bereitschaft zur Mobilität und Flexibilität fast schon eine Voraussetzung für das Wohlergehen. Und wie bei den Auswanderern gibt es viele Gründe und Notwendigkeiten, aufzubrechen. Unser Leitwort „Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde“ ist der Heiligen Schrift entnommen, wie wir eben in der Lesung gehört haben. (ausgewählte Lesung zum Thema passend) Es ist das Wort Gottes an Abraham. Es ist das erste Wort, das Gott je zu einem Menschen gesprochen hat. Ist das nicht anmaßend, dass wir uns mit dieser Themenwahl vergleichen mit Abraham? Abraham ist der „Vater der Glaubenden“ und der Freund Gottes(2 Chr 20,7; Jes 41,8). Deshalb hat dieses Wort Gottes an ihn fast schon programmatischen Charakter. Was Gott dem Abraham sagt, gilt auch uns.

Schauen wir es unter drei Perspektiven an:

  • Zieh hinweg
  • Ein Segen sollst du sein
  • Aufbruch
  1. Zieh hinweg

Im hebräischen Text steht das Verb zweimal, so als wolle Gott die Absolutheit des Befehls unterstreichen. „Lech lecha“ heisst es da! Geh fort! Geh fort! Zieh hinweg! Zieh hinweg! Kümmere dich um nichts anderes, geh deinen Weg. durchschneide alle Bande, geh, ohne zurückzublicken. Geh aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft, aus dem Haus deines Vaters. weg von allen wirtschaftlichen, sozialen, politischen und gefühlsmäßigen Bindungen -und das alles nur weil Gott ruft!

Vielleicht hätten Sie sich bei manchem Aufbruch in Ihrem Leben auch so ein unabdingbares Wort gewünscht! Statt aller Einwände und Bedenken ein klares „Zieh hinweg!“. Für den glaubenden Menschen können die Aufbrüche seines Lebens Momente sein, in denen Gott in sein Leben eingreift, in denen er sich fragt, wohin Gott ihn ruft. Es gibt viele Gründe, das Gewohnte zu verlassen -für den Glaubenden kommt immer noch der Moment des göttlichen Willens hinzu. Das mag im Augenblick des Aufbruchs nicht immer direkt einleuchtend sein. Aber wenn ich zurückschaue auf die Aufbrüche meines Lebens, vermag ich darin schon Gottes Ruf zu erkennen. „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen , aber man muss es vorwärts leben.“ sagt Kierkegard.

  •  Ein Segen sollst du sein

„Segen“ -das ist auch für aufgeklärte Zeitgenossen etwas ganz Wichtiges. Das Wort gehört auch schon zum säkularen Sprachgebrauch: ein Mensch, eine Sache, manchmal sogar das Wetter wird zum Segen für andere. Aber der Segen ist etwas zutiefst Göttliches. „Du sollst ein Segen sein“. In Abraham offenbart Gott die überströmende Fülle des Segens. Wer Segen ausspricht, erwartet etwas von Gott, öffnet eine neue Dimension -verlässt das KleinKlein der Alltäglichkeiten. Wer um Segen bittet für sich oder andere, erwartet die Sichtbarkeit Gottes in der Welt. Wer sich unter den Segen stellt erwartet etwas: die Spürbarkeit Gottes in seinem Leben. Segnen heißt Hoffnung haben, Zukunft haben, dem Leben trauen. Ein Segen sein für andere -nicht Richter sein über andere, nicht Lehrer sein, nicht Herrscher sein.

Pessimisten können nicht segnen, weil sie nicht an das Leben und seine Chancen und Möglichkeit glauben. Diese Welt könnte wahrlich anders aussehen, wenn die Glaubenden -wie Abraham -sich darauf einließen, Segen sein zu wollen für andere.

  •  Aufbruch

Nun könnte man meinen, das alles sei gesagt für eine bestimmte Altersgruppe, für die Jungen, die das Leben mit seinen Aufbrüchen noch vor sich haben. Alle die anderen, die sich bereits im Leben eingerichtet haben, die sich die Sicherheiten erworben haben, die man für ein sorgenfreies Leben benötigt, könnten sich jetzt zurücklehnen und zuschauen, wie sich die anderen abstrampeln, um den Wort Gottes gerecht zu werden -wenn es da nicht diesen kleinen Nachsatz gäbe: „Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran fortzog“.
Der Protagonist der Geschichte ist kein junger Held, sondern ein alter Mann, der seine Vergangenheit vergessen soll, dem eine große Zukunft verheißen wird. Und damit gibt es für uns auch keine Möglichkeit, uns aus dem Staub zu machen.

Das Wort an Abraham gilt auch uns. „Abraham geht“ -so wie nach ihm viele Glaubende in der Geschichte. Glaube heißt immer auch: in Bewegung sein. Nicht stillstehen und meinen, man sei ein guter Christ und damit sei es genug. Es geht nicht nur darum, zu glauben, dass es einen Himmel gibt, sondern auch darum ihn zu suchen.

Abraham ist der erste Mensch, der weiß, dass das alles hier nicht schon alles ist; dass wir immer wieder aufbrechen müssen; dass wir ein Ziel brauchen, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Er kann seinen Weg gehen, weil er auf Gott vertraut. Von ihm her weiß er: Es wird schon alles gut!

Darum geht es auch heute an diesem Festtag: unsere Prozession wird zum Sinnbild für die Aufbrüche in unserem Leben. Unsere Prozession zeigt unsere Bereitschaft, dass wir ein Segen sein wollen für die Menschen. Unsere Prozession ist ein Bekenntnis, dass wir als Glaubende unterwegs sind durch diese Welt hindurch in das Land, das Gott uns zeigen will.

siehe auch: Fronleichnam auf Juist – alles war anders

(c) Wilfried Schumacher

Dreifaltigkeit – Gott hält es mit uns

Tageslesungen
Spr 8,22-31 | Röm 5,1-5 | Joh 16,12-15

 „Wie hältst du’s mit der Religion?“ die berühmte Gretchenfrage in Goethes Faust. Wie halten wir es mit der Religion? Wie halten wir es in unserem persönlichen Leben und in unseren Familien, in unseren Gesprächen und in unseren täglichen Aufgaben mit der Religion?
In jedem Menschen steckt zutiefst das Bedürfnis und die Sehnsucht nach dem Ewigen, dem Verlässlichen, dem Transzendenten. Immer häufiger suchen sie nach einer Erfüllung außerhalb der Kirchen.
Ich fand für diese Situation ein schönes Bild: Es ist wie mit einer großen, alten Glocke, die nicht zu läuten aufhört. Aber je nach Lage der Witterung, nach der Windrichtung und je nach Lautstärke von anderen Tönen und Geräuschen ist ihr Klang einmal stärker und einmal schwächer und manchmal auch gar nicht hörbar.
Der alte Glockenton, der von Gott kündet, lässt heute gar nicht so wenige Menschen aufhorchen, und manche Herzen beginnen in seinem Klang zu vibrieren.

Überall gibt es sie: Menschen, welche die Berührung mit dem unsichtbaren Geheimnis suchen.

  • Sie gehen still in Kirchen und ersehnen einen Augenblick innerer Ruhe.
  • Sie gehen auf alten Pilgerwegen – etwa nach Santiago – und spüren dabei den Pfaden ihres Seelenlebens nach.
  • Sie suchen nach geistlichen Ratgebern und hoffen auf Wegführer zu treffen, die sie über ihren Alltag hinaus führen.

Viele Menschen empfinden im Vielerlei ihres Lebens einen ”Verlust von Einheit und Identität” und sind auf der ”Suche nach Halt und Mitte”.

Dabei halten sie sich die Menschen nicht an vorgegebene Muster – Sie entwerfen ihr Leben selbst. Dazu gehört nicht selten auch eine ”Patchwork-Religion“ aus ganz unterschiedlichen Elementen wie bei einem Flickenteppich zusammengefügt werden. Der religiöse Glaube, in welcher Weise auch immer, wird als eine ausschließlich private Angelegenheit betrachtet, und lässt sich nicht so einfach in kirchliche Strukturen einpassen.

Die Menschen leben heute in einer „Wüste der Möglichkeiten“ (Gertrud von Le Fort). Vieles zerrinnt ihnen zwischen den Fingern wie Treibsand. Wo sind die Oasen, wo sich ausruhen lässt? Wo sind die Orte, wo es eindeutig wird?

Auf welchen Gott treffen solche suchenden Menschen bei uns, welchen Gott haben wir ihnen zu verkündigen, welchen Gott bezeugen wir ihnen in unserem christlichen Leben?

Das heutige Fest sagt, dass für uns Gott nicht ein nebulöses Etwas ist, ein höheres Wesen nach dem Motto: „Irgendetwas wird es schon geben.“ Wir dürfen Gott als eine Wirklichkeit sehen, die ansprechbar ist und die selber zu uns spricht, als einen Gott, zu dem wir kommen können und der selber zu uns kommt. Es handelt sich um ein „Du“ und nicht um ein unpersönliches „Es“.

Die biblische und christliche Tradition unterstützt diese Überzeugung, indem sie von Gott nicht bloß in abstrakten Bildern spricht, sondern indem sie sich ihn auf manchmal höchst menschliche Weise vorgestellt hat: mit einem Gesicht, mit Augen und Ohren, mit einem Herzen und einer Stimme, sogar mit Emotionen, manchmal sicherlich auch mit etwas abstrusen Bildern wie dem alten Mann mit dem Bart – wie auf manchem Altarbild.

Solche Vorstellungen können die Wirklichkeit Gottes nie zur Gänze ausdrücken, aber ein Gott, der uns nahe sein will, bedarf solcher Bilder, damit wir diese Nähe, seine Gegenwart und Gemeinschaft mit uns erahnen können, mehr noch, dass sie begreiflich, handgreiflich wird.

Diese Gottesvorstellung leuchtet auf im Geheimnis der Dreifaltigkeit und in jedem Kreuzzeichen „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ wird sie uns förmlich auf den Leib geschrieben.

Gott ist als Vater der „Gott über uns“. Wir erkennen in ihm den Schöpfer von Welt und Menschen. Er ist ewig und unendlich nicht zuletzt in seiner Liebe.

Und Gott ist im Sohn der „Gott vor uns und neben uns“. Wir dürfen in ihm unseren Erlöser sehen, der uns vorangeht und zugleich mit uns geht. In ihm hat sich Gott tatsächlich ein menschliches Gesicht und eine menschliche Stimme gegeben.

Und Gott ist schließlich als Heiliger Geist der „Gott in uns“, der von innen her in uns wirkt und das Werk unserer Heiligung vollzieht, das heißt: uns mit göttlichem Leben und göttlicher Kraft und göttlicher Liebe erfüllt.

Dieser dreifaltige Gott ist „das Leben unseres Lebens“!

„Wie hältst du’s mit der Religion, wie hältst du’s mit Gott?“ – Als Christen können wir sagen: Gott hält es mit uns.
Das ist die Glocke, die wir in Schwingung halten müssen. Damit die, die auf der Suche sind, sie hören – und zu denen gehören auch wir.

(c) Wilfried Schumacher

Drei Wünsche an einen Neupriester

Pfingsten 2019
Kirche St.Sebastian Bickenriede/Eichsfeld


Lieber Guido, liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Mit großer Feierlichkeit haben Sie gestern Abend und heute Guido Funke in seiner Heimatgemeinde willkommen geheißen und man könnte schon fast befürchten, sie wollten ihn damit auf ein hochwürdiges Podest stellen. Aber die Zeit für hochwürdige Podeste ist auch im Eichsfeld vorbei.

Sie feiern heute, dass einer von Ihnen ernst macht mit dem, was allen Christen aufgetragen ist, wozu wir alle berufen sind. Sie würdigen seine Entscheidung, die gefallen ist in einem langen Prozess der Berufung.
Und vielleicht denkt manch eine und einer von Ihnen, was der Guido da erlebt hat, das kenne ich auch – als mich entschieden habe, meinen Beruf zu ergreifen, als ich mich entschieden habe, meine Frau, meinen Mann zu heiraten, als ich eine lebenswichtige Entscheidung getroffen habe. Das geht meistens nicht von jetzt auf gleich.

Lieber Guido. Als ich vor über einem Jahr aus Anlass deiner Diakonenweihe hier in der Kirche saß und wusste, dass ich hier auch die Primizpredigt halten sollte, war mir klar: ich lasse diese Kirche predigen, in der Du groß geworden bist.
Sie ist dem Hl. Sebastian geweiht. Dessen Schicksal wünschen wir Dir nicht. Gerne möchte ich meine Wünsche an Dich an drei Heiligen orientieren, die in diesem Raum dargestellt sind:

  • Der Heilige Petrus hier vorne im Pfingstbild auf dem Ambo
  • Die Heilige Gertrud rechts am Altar
  • und den Heiligen Bernhard links am Altar.

Wahrscheinlich hat Du sie oft angeschaut, wenn Du hier am Gottesdienst teilgenommen hast.

1)       Petrus

Wir sehen hier vorne auf dem Ambo den Hl. Petrus bei seiner flammenden Predigt am Pfingstfest. Aber es gibt noch eine andere Stunde im Leben des Petrus, die verbunden ist mit deinem Weihespruch „Dein Wille geschehe!“

Es ist der Abend von Getsemani. Dort erlebt Petrus einen Jesus, den er so noch nie gesehen hat: weinend, kämpfend, ringend, Blut und Wasser schwitzend. Einen Menschen voller Angst und schließlich voller Gehorsam. „Dein Wille geschehe!“

Es soll noch schlimmer kommen: Judas, der Gefährte in den die Wanderjahren durch Israel, kommt mit Soldaten, die Jesus verhaften. Und der lässt sich verhaften! Das ist nicht mehr der Jesus, den Petrus bisher erlebt hat: Bisher hat er es doch immer geschafft, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. An wie viele brenzlige Situationen kann sich Petrus erinnern. Wo ist dieser machtvolle Jesus? Wo ist dieser Jesus, den er als den Christus, den Messias feierlich bekannt hatte? Ist das dieser Mann – schwach, gefesselt zwischen den Soldaten und Gerichtsdienern. Nein! Für diesen Menschen hat er nicht alles verlassen – den Beruf, die Familie, die Heimat. In Petrus bricht alles zusammen. Sollte er sich so getäuscht haben? „Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir irre werden;“ so hatte Jesus es beim Abendmahl angekündigt. Petrus erlebt es – mit seiner ganzen Existenz.

Ich wünsche Dir, lieber Guido, dass Du dies nie erleben musst!

Zwischen Getsemani und Pfingsten steht die Begegnung des Petrus mit dem Auferstandenen am See Genezareth. „Simon. Liebst du mich?“ fragt der Herr seinen Jünger. Er fragt nicht, hast Du alles begriffen, was ich gepredigt habe. Hast Du mein Leben, meine Sendung verstanden? Weißt Du jetzt was es heißt, den Willen des Vaters zu tun?

„Liebst du mich“, fragt ihn der Herr und im griechischen Text steht eine Vokabel, die von der ganz großen Liebe spricht, die einzigartig ist und nur dem einen, der einen gilt. Wenn wir das wissen, dann spüren wir plötzlich, wie schwer die Frage und erst recht wie schwer die Antwort ist.

Und wieder in den griechischen Text geschaut, lautet die Antwort des Petrus: „Herr, Du weißt, dass ich Dein Freund bin“. So kannst Du, lieber Guido, so können wir alle antworten: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dein Freund sein will“. Du suchst Menschen, die so, wie sie sind, für dich brennen. Sieh nicht den Petrus in mir, sieh nicht den Kaplan Funke in mir, sondern den Simon, den Guido, den Du wie damals den Simon am See gerufen hast mit seinen Licht- und Schattenseiten.

Lieber Guido, sag es dem Herrn immer wieder: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dein Freund sein will“.

2)       Die hl. Gertrud von Helfta

Als Rheinländer steht mir die Hl. Gertrud von Nivelles aus dem nahen Belgien etwas näher und ich musste mich erst mit dieser großen Frau aus dem 13.Jahrhundert etwas näher beschäftigen. Sie wird „die Große“ genannt. Mit fünf Jahren kam sie, wohl ein Waisenkind, ins Kloster Helfta bei Eisleben, das zisterziensisch geprägt war, ohne dem Zisterzienserorden anzugehören.

Ihre theologischen Schriften sind sehr mühsam zu lesen, weil ihre Sprache nicht mehr unsere Sprache ist und ihre Bilder sich uns heute nicht sofort erschließen.

In einem ihrer Werke fand ich ein Wort, das ich Dir gerne mitgeben möchte: „Gott habe Erbarmen mit mir, und er sage mir Segen und Heil; […..] auf daß mich auf rechten festen Boden führe sein lebenspendender Geisthauch, der gut ist.“ (aus Exercitium I 7-12).

Heute ist Pfingsten, wir feiern Gottes lebensspenden Geist, der gut ist – wie die hl. Gertrud mit Recht feststellt. Neben dem Ungeist, den wir oft erleben, neben dem bösen Geist, der sich in Wort und Taten der Menschen nicht selten äußert, ist Gottes Geist der gute Geist, dessen Früchte im Galaterbrief beschrieben werden: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5, 22)

Von daher verwundert es, wenn es von der Hl. Gertrud heißt: „Stundenlang war sie den Menschen ihrer Umgebung Zuhörerin, Ratgeberin, Trösterin. Gleichzeitig war sie eine hochgebildete und künstlerisch begabte Frau.“

Lieber Guido, Zuhören, Ratgeben, Trösten – ich weiß, dass Du das kannst. Ich wünsche Dir die Kraft dazu. Besonders das Letzte ist wichtig: „wir sind berufen, zu trösten“ sagt Papst Franziskus (5.5.2016)

3. Der Heilige Bernhard

Er lebte zu Beginn des 12.Jahrhunderts. 1115 gründete er das Kloster in Clairvaux und von dort aus 68 Klöster. Fünf Ordensgründungen des Zisterzienserordens gab es im Eichsfeld. Darunter die Abtei Reifenstein, die schon 1162 entstand. Und natürlich in unmittelbarer Nachbarschaft die Zisterzienserinnenabtei Anrode, die auf das 1267 zurückgeht. Der Bickenrieder Vitus Recke war im letzten Jahrhundert Abt der Abtei Himmerod, die von Bernhard von Clairvaux gegründet wurde.

Also darf Dich der Hl. Bernhard an diesem Festtag auch begleiten. Du ahnst vielleicht schon, welches Wort von ihm ich Dir mitgeben möchte: „Gönne Dich Dir selbst“. Er schrieb es seinem Schüler Papst Eugen III. Aber es gilt für jeden von uns, ob Kleriker oder Laie. „Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. […] Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selber! […] Ich sag nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

Das sage ich nicht nur Dir, lieber Guido, das sage ich den Ehefrauen und Ehemännern, den Müttern und Vätern, den Großväter und Großmüttern. Das gilt jedem und jeder: Gönne Dich Dir selbst!

Ich habe als junger Priester den Fehler gemacht, ganz in der Arbeit aufzugehen. Es gibt so viel zu tun und man freut sich, endlich fertig zu sein und tun zu können, was man immer schon tun wollte. Und schnell vergisst man sich selbst, die Familie, die Freunde, Menschen, die einem wichtig sind! Widerstehe der Versuchung und „gönne Dich Dir selbst!“

Lieber Guido, das sind meine Wünsche an diesem Festtag an Dich – orientiert an den Heiligen deiner Heimatkirche. Nimm sie mit als Gefährtin und Gefährten auf Deinem Weg.

Primizpredigt 9.Juni 2919 – Primiz nennt man die erste Messe, die ein neugeweihter Priester mit seiner Heimatgemeinde feiert.

(c) Wilfried Schumacher

Christi Himmelfahrt – Geht bis an die Grenzen der Erde!

Tageslesungen
Apg 1, 1-1 | Eph 1, 17-23 | Lk 24,46 – 53

Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Ihr Männer und Frauen heute, was steht Ihr da und schaut zum Himmel empor.

Wer nur zum Himmel schaut, verliert den Kontakt zur Erde und muss sich nicht wundern, wenn er strauchelt und fällt. Wer nur zum Himmel emporschaut an diesem Tag, versteht nicht, um was es geht.

Es sind die Engel und der Herr selbst, die unseren Blick wieder auf die Erde lenken.

Ein Dreifaches wird uns heute mitgegeben:

  1. Zusage: Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt.

„Ich bin bei Dir“ – wenn ich dieses Wort von einem Menschen höre, dann gibt es mir Kraft. Ich bin bei Dir – wenn das ein Mensch zu einem anderen sagt, dann fühlt der Adressat sich nicht mehr allein, auch wenn er allein ist. Dann weiß er, auch wenn ich diese Situation allein bestehen muss – es ist jemand in Gedanken, es ist jemand mit dem Herzen bei mir.

Ich bin bei Dir, sagt die Mutter dem Kind, wenn es zur Schule geht, um sich einer Prüfung zu stellen.
Ich bin bei Dir, sagt der Partner zur Partnerin, wenn sie zu einer wichtigen Untersuchung geht.
Ich bin bei dir, sagt der Freund zum Freund, wenn er weiß, dass er sich einer besonderen Herausforderung stellen muss.

Das gehört zu unseren Erfahrungen. Wir wissen alle, wie gut ein solches Wort tut! Hier aber sagt das nicht irgendein Mensch, auch nicht der Liebste unter den Menschen, den wir haben. Hier sagt das der auferstandene Herr, der auf eine ganze andere Weise gegenwärtig ist wie das bei Menschen der Fall ist. Es ist das letzte Wort des Matthäus-Evangeliums – es ist der Schlussakkord, der nie verhallt bis ans Ende der Welt.
Aber wir müssen gestehen, oft mangelt es uns an Glauben, dass dieses Wort des Herrn gilt. Oft sind wir zu kleingläubig als dass wir darauf vertrauen.
Ich bin bei Dir – wie gut tut es, wenn es ein Mensch uns sagt. Ich bin bei Euch – wie gut tut es, wenn der Herr es uns sagt!

  •  Verheißung: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.

Es bleibt nicht bei der Zusage. Der Herr weiß um unsere Defizite und Unfähigkeiten. Deshalb sollen wir Kraft erhalten. Die Kraft des Heiligen Geistes. Aber es geht nicht nur darum, unsere Kraftlosigkeit zu heilen, unsere Defizite auszugleichen und uns Kompetenz zu geben.

Das deutsche Wort „Kraft“ ist mir fast schon zu kraftlos, das griechische Wort „Dynamis“, Dynamik ist ausdrucksvoller. Der Heilige Geist soll Dynamik in unser Leben bringen, Bewegung, Schwung, Aufschwung.

Die Verheißung Jesu hat sich für die meisten von uns erfüllt: Wir sind gefirmt; wir haben die Dynamik des Geistes empfangen. Aber was haben wir daraus gemacht?

Ein Pfarrer in hat einmal seine Firmlinge gefragt: „Was würde dir fehlen, wenn Du dich nicht firmen lassen würdest?“ Ich frage mich und Sie können es ebenso tun: „Was würde mir fehlen, wenn ich nicht gefirmt wäre?“

Vertraue ich auf die Dynamik des Gottes Geistes in meinem Leben; oder folge ich lieber dem Geist einer Partei, der öffentlichen Meinung, dem Geist des Erfolgs und was es sonst noch für Geister gibt.

Wer auf den Geist Gottes vertraut, muss wissen, dass er nicht daher-kommt wie ein laues Lüftchen, sondern wie ein gewaltiger Sturm.

Der hl. Johannes XXIII. hat wohl wissend darum, die Fenster der Kirche geöffnet. Verbarrikadieren wir nicht unser Lebenshaus wenn es gilt der Dynamik des Geistes Jesus Einlass zu gewähren.

  • Auftrag: Ihr werdet meine Zeugen sein…..bis an die Grenzen der Erde!

Der Auftrag, den der Herr seinen Jüngern und auch uns mitgibt, ist nur eine Konsequenz dieses Geistes, der uns nicht ruhig sitzen lässt, sondern uns in Bewegung bringt.

Geht bis an die Grenzen der Erde – das heißt nicht: brecht jetzt auf nach Asien oder Afrika, und weil das eh nicht in Frage kommt, lasst es ganz bleiben.

Geht bis an die Grenzen der Erde – bleibt mit Eurem Glauben und Eurer religiösen Überzeugung nicht im Dunstkreis des euch Bekannten und Vertrauten. »Geht«, kommt aus euch selbst heraus, aus jeglicher Verschlossenheit, um allen das Licht und die Liebe des Evangeliums zu bringen, bis in die äußersten Randgebiete des Lebens!

Papst Franziskus sagt. „Wenn wir Christen uns in unserer Gruppe einschließen, in unserer Bewegung, in unserer Pfarrei, in unserem Umfeld, bleiben wir eingeschlossen und dann geschieht mit uns, was mit allem passiert, das eingeschlossen ist. Wenn ein Zimmer geschlossen bleibt, kommt der Geruch der Feuchtigkeit. Und wenn ein Mensch in diesem Zimmer ist, wird er krank! Wenn ein Christ sich in seiner Gruppe, in seiner Pfarrei, in seiner Bewegung einschließt, ist er eingeschlossen und wird krank. Wenn ein Christ auf die Straßen hinausgeht, an die Peripherien, kann mit ihm das geschehen, was manchem passiert, der auf der Straße unterwegs ist: ein Unfall. Sehr oft haben wir Straßenunfälle gesehen. Aber ich sage euch: Mir ist eine verunfallte Kirche tausendmal lieber und nicht eine kranke Kirche!“

„Geh und bring den Menschen das Licht des Evangeliums?“ –
Was heißt das für Dich?

Die Botschaft des Herrn ist an alle gerichtet und meint doch jeden Einzelnen, jede Einzelne.

Ihr Männer und Frauen von heute, was steht Ihr da und schaut zum Himmel empor? –

Bleiben wir auf der Erde – getragen von der Zusage: Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt – versehen mit der Verheißung der Dynamik des Geistes und erfüllt von dem Auftrag: Geht zu allen Völkern.

(c) Wilfried Schumacher

6.Ostersonntag – Gott als Mieter?

Tageslesungen
Apg 15,1-2.22-29 | Offb 21,10-14.22-23 | Joh 14,23-29

Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen. (Joh 14,23)


Gott als unser Mieter, Untermieter? Wie mag man sich das vorstellen?

Walter Jens dreht in seiner Bibelübersetzung den Spieß um. Da lesen wir: „Nur wer mich liebt“, antwortete Jesus, „wird meine Worte bewahren – die Worte! Ihren Sinn! Ihren Geist! -, und mein Vater wird ihn lieben, und wir, ihr und ich, werden unsere Heimat finden, bei ihm.“

Heimat finden, Heimat haben bei Gott! – das ist schon eher ein Bild, mit dem ich etwas anfangen kann.

Heimat ist etwas, dass nie verloren geht; selbst dann, wenn man in der Fremde lebt. In der Heimat fühlt man sich zugehörig und geborgen. Heimat kann Orientierung geben und wie ein sicherer Anker in der schnelllebigen Welt sein. Selbst der Heimatlose weiß um die Heimat und ihre Qualität.

Das Leben kann uns oft durchschütteln. Es kann sein, dass wir innerlich heimatlos werden – das Gefühl haben, nirgendwo mehr zuhause zu sein, von allem und jedem verlassen. Christus lädt uns im heutigen Evangelium ein, die Heimat zu finden bei Gott – nicht in einer Theorie, einer Idee – sondern ganz praktisch, indem wir Jesu Worte bewahren, Ihren Sinn, Ihren Geist und so feststellen, selbst wenn ich das Gefühl habe, hier heimatlos zu sein, es bleibt die Heimat bei Gott.

(c) Wilfried Schumacher

5.Sonntag in der Osterzeit – Jeden Tag soviel wie ich benötige

Tageslesungen
Apg 14,21b-27 | Offb 21, 1-5a | Joh 13,31-33a. 34 – 35

Diese Woche war ich in Osnabrück und zum ersten Mal im Dom. In der Sakramentskapelle sah ich ein Relief mit einem Detail, das mich wegen der Geschichte immer wieder fasziniert. Die Geschichte vom Manna in der Wüste. Sie steht im Buch Exodus im 16.Kapitel.

Manna in der Wüste – Relief Dom Osnabrück

Damit wir nicht einfach drüber lesen, hier in der etwas ungewohnten Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig:

ER sprach zu Mosche: da, ich lasse Euch Brot vom Himmel regnen, ausziehen soll das Volk und lesen: die Tagesmenge an ihrem Tag, […] Aber am sechsten Tag soll es sein: wenn sie vorrichten, was sie einbringen, wird es ein Doppeltes sein gegen das, was tagtäglich sie lesen. […]

Aber am Morgen war eine Schicht Taus rings um das Lager, und als die Tauschschicht aufstieg, da war auf der Fläche der Wüste etwas Feines, Schuppiges, fein wie der Reif auf der Erde. Die Söhne Israels sahens und sprachen einer zum anderen: „Man hu“ – was ist das? Denn sie wussten nicht was es war. Mosche sprach zu ihnen: Das ist das Brot, das ER Euch zum Essen gegeben hat. Dies ists, was ER geboten hat: leset davon, jeder nach seinem es Bedarf, eine Metze (Anm. altes Hohlmaß etwa 1 – 2 Liter) auf den Kopf, nach der Zahl Eurer Seelen, hole jeder für die in seinem Zelt.

Die Söhne Israels taten so, sie lasen, der viel und der wenig, aber als sies mit der Metze Maßen, überschoß dem nichts, der viel las, und der wenig las, dem mangelte nichts, jeder nach seinem es Bedarf hatten sie gelesen.

Mosche sprach zu ihnen: „nimmer lasse jemand davon auf den Morgen übrig. Aber sie hörten nicht auf Mosche, sondern etliche ließen davon auf den Morgen übrig: es würmte Maden hervor und stank.[…]

Sie lasen es Morgen um Morgen, jedermann nach seinem Eßbedarf. (…) Doch am sechsten Tag geschah es, dass sie Brots ein Doppeltes lasen, zwei Metzen für einen. […] Die Söhne Israels aßen das Man 40 Tage, bis sie an besiedeltes Land kamen. (aus Exodus 16)

Gott speist das Volk in der Wüste – aber jeden Tag gibt es nur so viel, wie man zum Leben und Überleben braucht. Wer meinte, er könne die Speise vom Himmel („Man hu“ – heißt übersetzt: Was ist das?) horten, könne einen Vorrat anlegen, musste erleben, dass am Folgetag Würmer das Essen ungenießbar gemacht hatten.

Nur am sechsten Tag, dem Tag vor dem Shabbat, gab es die doppelte Menge, weil man am Shabbat nicht arbeiten, d.h. auflesen durfte.

Um was geht es? Um das Wunder in der Wüste? Letztlich geht es im Text um das Gottvertrauen. Ich muss keine Vorsorge treffen – Gott selbst wird das Überleben sicher stellen. Er wird mir soviel geben, wie ich brauche, um zu überleben. Ich gebe zu, das fordert mich heraus. Es fragt mich nicht nach einer vernünftigen Vorratshaltung, um etwa Lebensmittelengpässe zu überstehen.

Vielmehr geht es um die Frage: was brauche ich zum Leben? Und dazu zählt nicht nur der Einkauf im Supermarkt. Was horte ich alles in den Vorratskammern meines Lebens? Ist es das, was meiner Seele gut tut? Oder hat es eher einen üblen Geschmack, zerfressen von den Würmern der Eifersucht, des Neides, des Stolzes, der Überheblichkeit, des Profits – oder wie die die „Tiere“ sonst noch heißen?

Die Geschichte bewahrt mich auch davor, kein Ende zu finden in meinen Bemühungen. Auch der, der viel sammelte, hatte am Ende nicht mehr als der andere. Ich gestehe gerne, ich fand auch oft kein Ende bei der Arbeit – weil alles noch getan werden musste. Anderes und vor allem andere blieben auf der Strecke!

Und schließlich erzählt die Geschichte vom Werktag und vom Sonntag. Am sechsten Tag gab es so viel, dass der Sonntag geheiligt werden konnte. In diesem alten Text ist schon die Rede von einem sinnvollen Wechsel aus Arbeit und Muße, aus Arbeitstag und Feiertag.

An jedem Tag soviel wie ich zum Leben benötige – nicht nur aus der Hand Gottes, sondern auch in meiner Lebenshaltung! Die Vaterunser-Bitte „unser tägliches Brot gib uns heute!“ erinnert uns jeden Tag daran.

(c) Wilfried Schumacher