Karfreitag

Johannes der Täufer (Isenheimer Altar)

Die ganze Fastenzeit über hat uns ein Ausschnitt des Isenheimer Altar begleitet. Heute wollen wir genauer hinschauen und betrachten:

Dieser da am Kreuz!
Haben Sie in einer der Passionen bei den Evangelisten etwas von Johannes dem Täufer unter dem Kreuz gelesen? Weder in der des Johannes noch in den anderen Evangelien ist er Zeuge der Kreuzigung. Mehr noch: nach dem Ausweis des Matthäus-Evangelium ist er schon einige Zeit tot, enthauptet durch Herodes. Was hat er auf dem Isenheimer Altar des Mathias Grünewald zu suchen?
Betrachten wir die rechte Seite des Kreuzigungsbildes betrachten. Der Maler will keine historische Wiedergabe des Geschehens auf Golgatha präsentieren, sondern eine theologische Verkündigung. So ist auch die Darstellung desTäufers hier zu rechtfertigen und zu hinterfragen.
Einsam steht er da auf der rechten Seite – „Keine Gestalt steht in der Bibel einsamer da als der weder ganz zum Alten noch ganz zum Neuen Bund zählbare Täufer“, sagt der Theologe Hans Urs von Balthasar. Und es stimmt, der Täufer kommt mir hier vor, wie ein Zeuge aus einer anderen Welt.
Einsam ist er in dieser Stunde – im Gegensatz zu den anderen Personen unter dem Kreuz geht sein Blick nicht zum Gekreuzigten.
Vielmehr sucht er mit den Augen sein Gegenüber, Johannes den Apostel, seinen ehemaligen Schüler. Damals am Jordan hat er mit viel Überzeugung von diesem Jesus als dem Lamm Gottes gesprochen und Johannes war ihm gefolgt. Will er von ihm die Bestätigung für seine Worte von einst erhalten? Einsam ist er – wie damals im Gefängnis als ihn die Zweifel überfielen und er seine Schüler zu Jesus schicken ließ mit der Frage: Bist du es der da kommen soll, oder müssen wir noch auf einen andern warten.
Einsam ist er wie die Kranken, die bei der Einlieferung in das Pesthospital vor diesen Altar gebracht wurden oder wie die Novizen, die hier ihre Profess ablegten. Es gibt solche Stunden, in denen allein sind,in denen wir nicht vertretbar sind, in denen alle Gemeinschaft rechts und links nichts ausrichtet, da stehen wir einsam und allein – wie der Täufer auf diesem Kreuzigungsbild.
Unser Blick fällt auf die ausgestreckte Hand, den überlangen Zeigefinger, mit der er auf den Gekreuzigtenhinweist. Illum opportet crescere, me autem minui, jener muss wachsen, ich aber geringer!
Versetzen wir uns in der Lage der Kranken, die vor diesen Altar gebracht wurden. Der da am Kreuz – er muss wachsen, muss in dir Gestalt annehmen, während du selbst mit deinem Eigensinn, deinenVorbehalten geringer werden muss. Welche eine Zumutung – ein geschundener Leib, mit Wunden übersät– wird zum Vor-Bild schlechthin.
Möchte man da nicht einen anderen strahlenden Leib sehen, so einen, wie ihn uns die Werbung im Fernsehen jeden Tag präsentiert. Einen ohne Schmerzen und ohne Makel? Nein, die Solidarität und Nähe im Leiden kann uns nur der Leidende schenken.
Es stimmt, was der Apostel Paulus sagt: die Verkündigung des Gekreuzigten ist vielen ein Skandal undÄrgernis, und nur für Glaubende ein Zeichen von Gottes Kraft und Weisheit. So steht das Wort des Täufers wie ein Menetekel an die Wand geschrieben, das nur von dem erfasst werden kann, der wie einst der Prophet Daniel aus einer tiefen Gottesbeziehung heraus lebt.
Für den heiligen Ignatius von Loyola gehört die Betrachtung des Gekreuzigten mit zu den wichtigstenÜbungen in seinen Exerzitien. Das Kreuz wird zum Zeichen für alle menschliche Not und alles Leid, für die Zerrissenheit im eigenen Leben und in der Geschichte der Menschheit. Ignatius will, dass der Beter alle Dunkelheit, alle Bosheit, alle Lebenslügen, alle Schuld anschaut und darüber mit dem Gekreuzigten ein Zwiegespräch führt, „wie ein Freund mit dem anderen.“(EB 54)
Vom Heiligen Hieronymus wird erzählt, dass er als 80jähriger in der Geburtsgrotte von Bethlehem fragt,was er Gott als Antwort auf dessen Gabe, den menschgewordenen Sohn, gebe könne. In seinem Inneren vernahm er die Antwort, „Gib mir deine Sünden“.
„Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für dieSünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt.“ schreibt der ApostelPetrus. (1 Petr 2,24)
Dieser da am Kreuz – Johannes zeigt auf ihn, der sowohl dem Schwerkranken, der vielleicht mit dem Leben abgeschlossen hat, als auch dem Novizen, der sich vor diesem Bild zur Nachfolge bereiterklärt, so zum Heilszeichen wird. „Gib mir deine Sünden, gib mir deine Unvollkommenheit, deine Zerrissenheit,dein mangelndes Vertrauen“, hören sie vom Kreuz her.
Mutter Teresa hat das Kreuz so gedeutet; „Lieben, bis es weh tut“. Wir kennen solche Situationen etwa aus dem Durchhalten von Krisensituationen in einer Beziehung, vom Schmerz einer Liebe, die keineGegenliebe findet, aus durchwachten Nächten am Krankenbett, vom Umarmen der Hoffnungslosen, aus den Zeiten des Zweifels. Lieben bis es wehtut.
Der da am Kreuz – er hat es am eigenen Leib erlebt – nicht für sich, für uns. Im Johannes-Evangelium steht das Wort des Täufers in einem Zusammenhang, da lesen wir: Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, freutsich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden. (Joh 3,29)Der Täufer steht hier als Freund des Bräutigams – nur dies gibt ihm die Sicherheit sagen zu können: Er muß wachsen, ich aber muß geringer werden.
Wenn wir jetzt heute zum Kreuz kommen, sind wir eingeladen, als Freunde und Freundinnen des Bräutigams zukommen. Es ist nicht nur ein Tun des Augenblickes, unsere ganze Biografie bringen wir mit zum Kreuz. Nicht nur die erfolgreichen Stunden, sondern auch das Versagen, die Sünde und unsere Schuld.
Am Schluss des Exerzitienbuches des hl. Ignatius steht ein Gebet, das die Frucht seiner Biografie ist,geboren aus einem Leben mit vielen Fragen, Kämpfen, Nöten und Zweifel:
„Nimm hin, Herr,
und empfange meine ganze Freiheit,mein Gedächtnis, meinen Verstand, meinen ganzen Willen,meine ganze Habe und Besitz.
Du hast es mir gegeben, Dir Herr, gebe ich es zurück:Alles ist Dein, verfüge nach deinem ganzen Willen;
Gib mir deine Liebe und Gnade, das ist mir genug.“

Das gesamte Altarbild im Musée Unterlinden Colmar

„Es ist vollbracht“- aus der Johannes-Passion von J.S.Bach

(c) Wilfried Schumacher