16.Sonntag C: Ein ausgewogenes Leben

Tageslesungen
Gen 18,1-10a | Kol 1,24-28 | Lk 10,38-42

Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.(Lk 10,41)

Kann es sein, dass das heutige Evangelium Sie ärgerlich macht und Ihren Widerspruch auslöst? Zählt denn für Jesu die oft mühselige Arbeit der Hausfrauen und neuerdings auch Hausmänner gar nichts? Warum kommt die tüchtige Marta so schlecht weg bei Jesus?

Sie handelt so, wie wahrscheinlich alle Hausfrauen handeln würden: sie hat die Situation voll im Blick, sie weiß sofort, was notwendig ist, um dem Gast etwas Gutes zu tun: Wasser holen, Feuer machen, ein Essen bereiten.

So ist Martha, sie sieht und packt an. Da steht der aktive Dienst im Vordergrund. Sie ist ganz in Anspruch davon genommen, für Jesus zu sorgen. Sie will der Situation gewachsen zu sein. Der Meister ist zu ihr ins Haus gekommen (und wahrscheinlich mit ihm auch seine Jünger): eine einzigartige Gelegenheit für jede gute Hausfrau.

So wird sie durch das Haus gewirbelt sein, ihre Vorräte zusammengesucht haben, überlegt haben, was denn angesichts einer solchen Herausforderung möglich sein wird.

Doch Martha scheint die Situation verkannt zu haben: Jesus ist in dieses Haus gekommen, um ihm den Frieden zu bringen, stattdessen kommt es in diesem Haus nun zu Aufgeregtheit und Angst.

Diese Aufgeregtheit schafft weiteres Unheil: Herr, macht es dir nichts aus, daß Maria die ganze Arbeit mir überläßt, tritt sie an Jesus heran. Andere Übersetzungen formulieren hier: Herr, macht es dir nichts aus, daß meine Schwester die Bedienung mir allein überläßt?“

Martha hat total verkannt, was der Wille Jesu ist: er will nicht bedient werden, er will nicht, daß sich Menschen Sorgen und Ängste machen, nur um ihn recht zu bedienen. Es kommt noch schlimmer: statt sich direkt an Maria zu wenden und sie zu bitten, ihr zu helfen, wendet sie sich mit einem Vorwurf an den Gast.

Er, der aufgenommen werden sollte, er, den sie mit ihrem Tun eigentlich ehren wollte, wird nun gescholten: Herr, kümmert es dich nicht – ein sehr hartes Wort, im Neuen Testament eigentlich in diesem Sinn einmalig: Jesus wird getadelt. Martha hält dem Meister eine Predigt: Sag‘ ihr, sie soll mir helfen.

Das heißt doch nichts anderes als: Meister, du lehrst doch die Nächstenliebe, warum setzt Du sie jetzt nicht in die Tat um. Du lehrst doch, dass wir einander helfen sollen und siehst nicht, wie Maria mich im Stich lässt. Damit hat sie den Spieß geschickt umgedreht: Nicht mehr sie und ihr Ehrgeiz ist das Problem, sondern die Schwester, die sie im Stich lässt. Und Jesus wird ermahnt, sich an das zu halten, was er lehrt.

Wir spüren, wie verfahren plötzlich die Situation ist, wie dieses Einmischen Marthas uns frösteln lässt, eine zerstörerische Wirkung hat. Was ist geschehen?

Wir können es auf einen Nenner bringen: statt zu der Wahrheit zu stehen, statt sich einzugestehen, nicht alles zu schaffen, was sie sich selbst vorgenommen hat, statt vielleicht auch ihre Mühe und ihre Überforderung ins Wort zu bringen, platzt sie voller Emotionen in die Situation, geht sie zum Angriff über. Die Schuld wird beim anderen gesucht.

Hier können wir ein wenig bei uns verweilen, und uns fragen, wie wir mit ähnlichen Situationen umgehen:

  • dann, wenn wir uns überfordert, müde fühlen;
  • dann, wenn wir merken, dass wir einer Arbeit nicht gewachsen sind,
  • dann, wenn wir merken, dass wir mit etwas nicht zurechtkommen.

Sind wir dann in der Lage, uns selbst ins Wort zu bringen, sind wir dann in der Lage zu äußern, dass uns dieses und jenes nicht gelingen kann, nicht gelingt; können wir sagen, was uns querliegt, was uns Probleme macht? Oder äußern wir uns nur indem wir zum Angriff übergehen? Die Schuld bei den anderen suchen?

Ein unehrliches Spiel, das Martha hier treibt – und Jesus wäre nicht der Herr, wenn er es nicht aufdecken würde. Er tut es sehr liebevoll, fast schon zärtlich. Schon allein die Anrede, die zweimalige Nennung ihres Namens verrät die empathische Zuwendung des Lehrers und Meisters. Und gleichzeitig die Ernsthaftigkeit seiner Worte. „Du machst dir viele Sorgen und Mühen“, sagt Jesus.

Da schwingt zuerst einmal Verständnis für die Arbeit mit. Aber bei allem Verständnis für ihre Lage, verzichtet der Herr nicht auf den Vorwurf: Du verstehst die Situation nicht, Martha, du bildest dir etwas ein, was ich vielleicht erwarten würde und erfasst überhaupt nicht, was hier wirklich vorgeht. Nur eines ist notwendig: Maria hat das Bessere gewählt. Vom griechischen Text her übersetzt: Maria hat den guten Teil erwählt.

Das heißt Maria hat meine Gegenwart als Gabe verstanden, als etwas, dass mehr sättigt als alle Speisen, die du auf den Tisch stellen willst.

Das ist die Lektion, die Jesus der Martha erteilt. Hat sie sie verstanden? Leider geht unsere Geschichte nicht mehr weiter – aber wir könnten uns ja einmal vorstellen, was Martha jetzt vielleicht getan haben wird. Wenn sie begriffen hat, was Jesus ihr sagen wollte, dann wird sie in die Küche zurückgekehrt sein – sie wird alles getan haben, was notwendig ist, damit das Essen ein richtiges Mahl wird, wo es nicht in erster Linie darauf ankommt zu essen und satt zu werden, sondern wo man sich aufeinander einlässt, wo Begegnung geschieht.

Wenn Martha die Lektion verstanden hat, dann wird sie nach kurzer Zeit wieder erschienen sein, wird das hineintragen, was ihr möglich war, wird sich mit in die Runde gesetzt und die Gegenwart des Meisters verstanden haben.

Es geht in unserem Text nicht darum Haltungen gegeneinander auszuspielen, die Aktivität der Martha gegen die scheinbare Passivität der Maria, ihr Engagement gegen die Kontemplation der Schwester, die Nächstenliebe gegen die Meditation, den Dienst gegen das Gebet.

Ich denke mir, der Herr warnt uns in diesen wenigen Versen, die Nächstenliebe von der Gottesliebe abzukoppeln, er warnt uns vor einem Unausgewogensein. Gottes- und Nächstenliebe, Kampf und Kontemplation liegen beide auf den Waagschalen unserer Lebenswaage. Nur wenn beide richtig verteilt sind, wird unser Leben ausgewogen sein.

Martha und Maria, sind nicht feindliche Schwestern, sondern Geschwister.

In ihnen leuchten zwei Aspekte des christlichen Daseins.

Ich denke, mein Leben ist dann geglückt, wenn es mir gelingt, jedem dieser beiden Bereiche den entsprechenden Raum zu gewähren. Nur dann, wenn Maria und Martha in meinem Leben gleichberechtigt sind, wenn Gottes- und Nächstenliebe miteinander harmonieren, wenn sie im Einklang miteinander schwingen, wenn sich Gottesliebe und Nächstenliebe gegenseitig ergänzen und befruchten, dann lebe ich ein Leben, das mir, das den Menschen und Gott Freude macht, weil ich dieses Leben ganz lebe.

(c) Wilfried Schumacher

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