Das Privileg der Armut

Tageslesungen
Weish 18,6-9 | Hebr 11,1-2.8-19 | Lk 12,32-48

Der Sonntag verdeckt heute den Festtag einer Heiligen, die vor 825 Jahren geboren worden ist: Klara von Assisi. Sie ist in der Schatzkammer der Kirche ein besonderer Juwel. Gleich einem funkelnden Edelstein leuchtet sie im Abstand der Jahrhunderte vielleicht noch klarer und farbenfroher als zuvor.
Könnten wir sie fragen, was würde sie uns antworten: Klara, wer bist du? Wer bist du für uns? So wie ein Schmuckstück je nach Sonneneinstrahlung verschieden leuchtet, so würde sie uns auch verschiedene Antworten geben: vielleicht diese vier.

1.) Ich bin die Pflanze des Franziskus, aber mit eigenen Blüten und eigenen Früchten:

„Ich bin die Pflanze des Franziskus“, so nennt sie sich selbst in ihrer Regel und in ihrem Testament; aber sie ist nicht einfach eine weibliche Kopie des Heiligen. Lange Zeit hat man von ihr nur im Zusammenhang mit Franz gesprochen – dabei ist sie doch eine Frau mit eigener Persönlichkeit.

Ihr Leben, das sie für sich und ihre Schwestern wählt, orientiert sich an der Regel des Franziskus, aber sie hat die Souveränität, ihren eigenen Weg zu gehen. Der ist bei aller Orientierung am Evangelium, immer auch an der konkreten Wirklichkeit gemessen.

Man spürt aus jeder Zeile, aus jedem Wort, das sie hinterlassen hat, wo ihre Wurzeln sind. Während jedoch Franziskus und seine Minderbrüder das Wort predigten landauf und landab, sproß die Blüte der Heiligen im verborgenen. „Klara schwieg, doch ihr Ruhm rief laut„, heißt es in ihrer Heiligsprechungsbulle (Nr. 4)“Sie hielt sich in klösterlicher Zelle verborgen, dennoch sprach man in den Städten von ihr.“ Wahrlich eine Pflanze des Franziskus, aber mit eigener Blüte und Frucht.

Vielleicht würde sie uns hinzufügen: Ihr müßt immer wissen, wo Eure Wurzel ist, aber blühen und Frucht bringen müßt ihr selber, auf Eure je eigene Weise.

2.) Ich bin eine Liebhaberin der Armut.

Damit hätte selbst ein Innozenz III., der mächtige Gegenspieler des Friedrich Barbarossa nicht gerechnet, dass eine Frau von ihm das Privilegium der Armut erbitten würde. Das gab es nicht zur damaligen Zeit. Das Feudalsystem, die überall um sich greifenden Geldwirtschaft, hatten ihre feste Ordnung: „Hast du was, dann bist Du was“, hieß es schon damals. Ein Frauenkloster bedurfte der wirtschaftlichen Absicherung durch Grund und Boden. Etwas anderes war undenkbar.

So muß der Papst zugeben, daß dieses Vorhaben „einzig sei“ (Th.v.Cel „Leben der Klara 14). Thomas von Celano, ihr Biograph, formuliert es freundlich. In Wahrheit hielt man sie wohl für verrückt, denn das päpstliche Privileg gewährt schon fast ironisch „daß ihr von niemandem gezwungen werden könnt, Besitz anzunehmen„.

Klara besitzt das Privileg der Armut – eine wohl in der Geschichte einzigartige Auszeichnung. Wie Franziskus mit der Herrin Armut vermählt ist , so gilt sie als „Liebhaberin der Armut“ (Heiligsprechung Nr.17) Der Armut Jesu will sie folgen, frei will sie sein vom Besitz, der nur besessen macht, leere Hände will sie haben, um sie von Gott füllen zu lassen.

Beschämt stehen wir dieser Frau gegenüber, wir mit unseren gefüllten Händen und vollen Taschen, mit unseren großen Häusern und unseren zahlreichen Einrichtungen. Es gibt für uns nicht das Privileg der Armut -und: wir wollen es auch nicht.

Was Klara hast Du uns zu sagen?

Ich höre ihre Frage: wovon ist denn dein Leben beherrscht? Von Gewinn und Profit? Vom Haben und Haben-müssen? Womit seit ihr beschäftigt mit dem Halten und Festhalten, mit dem Nehmen und Ergreifen, mit dem Mehren und Vermehren.

Das Privileg der Armut heißt heute : nicht haben müssen, sondern geben-können; nicht halten, sondern lassen, nicht mehren und vermehren, sondern austeilen und verteilen.

3.) Ich bin eine Frau in der Kirche

Ein Thema von brennender Aktualität heute. War Klara schon beim Thema Armut hartnäckig gewesen, so ist sie es erst recht auch bei der Abfassung ihrer Regel. Bis auf ihr Totenbett muß sie warten, bis die Regel endlich vom Papst anerkannt wird. Eine Regel – nicht aus der Feder eines Mannes, sondern von ihr selbst geschrieben. Es ist die erste Regel in der Kirchengeschichte, die von einer Frau geschrieben worden ist. Stets haben Männer den Frauen eine Regel geschrieben.

Viermal hatten ihr die Päpste einen Entwurf zu einer Ordnung für ihre Schwesterngemeinschaft vorgelegt, immer hatte Klara Bedenken gehabt. Sie trotzte der römischen Kurie, die eben erst auf dem Laterankonzil (1215) beschlossen hatte, keine neuen Regeln zuzulassen. Jedoch keiner den bekannten Texte enthielt das Privileg der Armut – Klara siegte! Sie eröffnet damit einen langen Reigen von großen Frauengestalten in der Kirche, die ihre männliche Zeitgenossen mehr als einmal in den Schatten stellten. Vielleicht kann ihr geduldiges Ausharren und Warten und schließlich ihr Sieg den Frauen heute eine Ermutigung sein, in der Kirche zu bleiben und weiter zu kämpfen.

4.) Mein Ein und Alles war es in den Spiegel der Ewigkeit zu schauen.

Klara war eine Frau der Kontemplation. Immer wieder taucht in ihren Schriften das Bild vom Spiegel auf. So schreibt sie an Agnes von Prag „Stelle deine Gedanken vor den Spiegel der Ewigkeit“. In einem Spiegel sehen wir uns selbst, spiegeln wir uns selbst in unserer Vergänglichkeit und unserer Schönheit. Was stellen Menschen nicht alles an, um beim Blick in den Spiegel nicht erschrocken zu sein. Die Eitelkeit beherrscht ihr Handeln: wie schaue ich aus? wie kann man mich anschauen? welches Bild haben die Menschen von mir? wie beurteilen sie mich? – Fragen, die wir nicht nur vor dem Spiegel haben.

Uns vor den Spiegel der Ewigkeit stellen, bedeutet wohl, nicht uns, sondern Gott in diesem Spiegel zu sehen. In den Spiegel der Ewigkeit schauen heißt, nicht unseres Äußeres erblicken, sondern unseres Inneres, unsere Seele. Es meint, das zu schauen, was vor der Ewigkeit Bestand hat.

Klara kannte keine Trägheit im Gebet, stundenlang konnte sie sich ins Gebet vertiefen, „weilte sie dem Leib nach auf Erden, dem Geiste nach im Himmel“ (Celano Nr.20). Sie konnte sich so in die Begegnung mit Gott versenken, daß es schien „als halte sie stets ihren Jesus in den Händen“ (ebd. Nr.19).

Wir müssen gestehen, daß für uns das Gebet oft eine lästige Pflicht ist, ein Termin im Tagesablauf, oft unwichtiger als der uns aufgetragene Dienst – vielleicht gelingt es uns deshalb kaum, in den Spiegel der Ewigkeit zu schauen.

Klara von Assisi – eine große Frau. Ein Vorbild und Beispiel der Christusnachfolge.

(c) Wilfried Schumacher

18.Sonntag C: Jedermann

Tageslesungen
Koh 1,2; 2,21-23 | Kol 3,1-5.9-11 | Lk 12,13 – 21

So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist. (Lk 12,21)

In diesen Wochen finden die Salzburger Festspiele statt. Zum Standardrepertoire gehört seit Jahrzehnten „Jedermann“ von Hugo von Hoffmannthal, das Spiel vom Sterben des reichen Mannes.

Es ist wohl nicht nur die einmalige Kulisse des Salzburger Domplatzes und die prominente Besetzung, die jedes Jahr so viele Zuschauer anzieht. Es muss wohl auch mit dem Inhalt zu tun haben.

Gott befiehlt dem Tod, Jedermann vor seinen göttlichen Richterstuhl zu bringen. Der reiche Jedermann, der sein Leben in Saus und Braus führt und wenig Mitgefühl mit den Sorgen seiner Mitmenschen kennt, gibt an diesem Tag ein großes Bankett für seine Freunde.

Beim Festmahl hört er seinen Namen rufen. Als plötzlich der Tod auftritt und ihm sein Ende verkündet, verlassen ihn seine Freunde. Jedermann bittet den Tod, sich einen Begleiter für seine letzte Reise mitnehmen zu dürfen.

Doch alle, selbst sein Vermögen in der Rolle des Mammon, verweigern die Gefolgschaft. Erst nachdem er Reue über sein Leben gezeigt hat, findet er Begleiter in den „Guten Werken“ und dem „Glauben“.

Der Teufel erhebt Anspruch auf die Seele, wird aber vom Glauben abgewiesen. In der versöhnlichen Schlussszene geht Jedermann in Gottes Verzeihung ein.

Der Stoff, aus dem der Dichter Hugo von Hofmannsthal schöpfte, ist uralt, immer aktuell und zeitlos. Dem Text liegt eine große Lebensweisheit zugrunde. Ich vermute, dass Hofmannsthal das heutige Evangelium gekannt hat. Es ist das Evangelium vom „Jedermann“. Unter „Jedermann“ ist jeder Mann, aber auch jede Frau gemeint.

Die Meinung ist weit verbreitet: „Wer Geld hat, kann sich alles leisten. Dem geht es gut“. Der Mythos über Geld und Mammon ist bei Jung und Alt gewaltig. Dieser Mythos hat sich durch alle Jahrhunderte gehalten. Doch keiner von uns kann sein Leben durch Reichtum absichern. Auch wenn ein Manager hohe Abfertigungen bekommt, ist er vor dem Tod nicht gefeit.

Dann muss jeder Rechenschaft von seiner Lebens-Verwaltung ablegen. Bei Hugo von Hofmannsthal geht der reiche Mann nicht unter, sondern heim zu Gott. Das Vertrauen und der Glaube an Gottes Treue rettet den reichen Mann.

Im Evangelium jedoch wissen wir nicht, wie der Mann auf Gottes Ruf reagiert. Nur eines wissen wir: wie unsere Geschichte nach dem Tod weitergeht, das entscheidet sich – wie beim Jedermann – in unserem Leben, ob wir nur für uns selbst Schätze gesammelt haben oder ob wir reich sind bei Gott.

(c) Wilfried Schumacher