Eine schwere Tür für Kinderhände

Alle Jahre wieder werden die Bundesbürger nach ihren Idolen befragt. Die Liste, die veröffentlicht wird, nennt viele Namen: Sportler und Politiker, Musiker und hin und wieder auch Kirchenleute. Jedoch die Gloriolen der Vorbilder verblassen schnell und manch einer muß feststellen, daß die oberste Klasse nur wenigen vorbehalten ist. Wer von uns vielen wird schon ein Olympiasieger, Spitzenpolitiker oder Schlagerstar? Da lohnt es der Mühe kaum, sich anzustrengen, um es ihnen gleichzutun.

Ein Heiliger allerdings, das kann jeder werden! Sie sind Menschen wie wir, keine Sonderlinge. Der Blick in ihre Biographien zeigt: jeder von ihnen ist seinen Weg unter ganz konkreten Bedingungen gegangen, und straft dabei alle jene Lügen, die behaupten, das Evangelium sei nicht lebbar.

Gewiß, da fällt einem manche Legende ein, die die Dargestellten zu „seltsamen Heiligen“ macht, versehen mit übermenschlichen Kraften und Fähigkeiten.

In Wirklichkeit bestand ihr Leben nicht aus den großen Taten, die auch heute noch Schlagzeilen machen würden. Ihre Größe bewiesen sie in den kleinen Dingen des Alltags, da wo sie sich nicht anpaßten, nicht Schritt hielten mit der Welt, sondern ausstiegen und in die Fußstapfen Jesu traten.

Manche haben es in ihrer Begeisterung für dieses Lebenszeugnis mit der Verehrung übertrieben. Die Schriftstellerin Hilde Domin kritisiert in einem ihrer Gedichte diese Fehlentwicklungen, die die Heiligen zu „Vikaren des Unmöglichen“ machten. Schließlich begründet sie, weshalb sie doch auf ihren Sockeln bleiben müssen: „Sie bleiben der Kinder wegen…damit es eine Tür gibt, eine schwere Tür für Kinderhände, hinter der das Wunder angefaßt werden kann“.

Die Männer und Frauen auf unseren Altären, die wir an diesem Tag besonders verehren, öffnen uns die Tür in unsere Zukunft, denn von ihnen glauben wir, daß ihr Leben nicht im Nichts versunken ist, sondern alles, was ihr Leben ausgemacht, mehr noch: sie selbst aufgehoben sind bei Gott. Indem wir sie hochschätzen, feiern wir auch unsere Zukunft, jenes Leben, das uns alle erwartet, wenn wir wie sie mit der Nachfolge Jesu ernst machen.

Bei diesen Gedanken fallen uns viele Namen ein, die wir aus frommen Büchern kennen, aber auch Menschen, die mit uns gelebt haben, von denen wir sagen: Ihr Leben war wertvoll und gut. Ihr Leben ist ihnen gelungen. Sie sind Heilige, deren Schicksal nie in einem Heiligsprechungsprozeß zur Sprache kommen wird, die sich aber hervorragend eignen als Vorbild, Leitfigur und Orientierung.

(C) Wilfried Schumacher

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