Karfreitag

Tageslesungen
Jes 52,13 – 53,12 | Hebr 4,14–16; 5,7–9 | Joh 18,1 – 19,42

Imervard-Kreuz (1150) Dom zu Braunschweig

Für den Evangelisten Johannes ist der Kreuzweg nicht nur ein Leidensweg, sondern der Weg zu einer Thronbesteigung. Johannes hat lange nachgedacht über dieses Ereignis, das nicht nur ihm unverständlich ist. Ein souveräner Jesus begegnet uns in seiner Passion. Das Aufrichten des Kreuzes, seine Erhöhung ist eine königliche Thronerhebung. „Wenn ich über der Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“.
Sagen Sie bitte nicht, dass Sie das sofort verstehen. Ein König, der ans Kreuz geheftet wird. Ein König, der nicht von oben herab regiert, sondern der alle an sich zieht. Alle, nicht nur die Frommen, nicht nur die Erfolgreichen, nicht nur die auf der Sonnenseite des Lebens.Vor allem jene, die ihre Wunden scheu vor den anderen verbergen, die leiden und weinen in den stillen Nächten des Lebens.Alle, auch Sie und mich.
Ignatius von Loyola empfiehlt uns, Christus unsern Herrn sich gegenwärtig und am Kreuz hängend vorzustellen und ein Gespräch zu halten, so „wie ein Freund zum anderen spricht“ (EB 53+54).
Kommen Sie also mit bis unter das Kreuz: hier fällt aller Egoismus in den Abgrund des Todes. Hier wird mir bewußt, wie sehr die Gewalt der Sünde jedem den Weg in die Zukunft verstellt –die eigene Sünde wie auch die Sünde der anderen, die mir schadet.
Hier werden die selbstverständliche Lüge und das Böse der Gewalt offenbart. Hier sehe ich, was der Apostel Paulus meint, wenn er schreibt: „Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (Phil 2,6-8) Und dies nicht anonym, für die Menschheit schlechthin, sondern für mich.
Wer dessen gewahr wird, wer erkennt –der hängt da am Kreuz für mich –der kann sich nicht abwenden und teilnahmslos von dannen ziehen. Der muss sich fragen lassen, was tue ich denn?
Trete ich ein in diese Zuneigung Gottes zu den Menschen? Mutter Theresa hat einmal gesagt: „Lieben, bis es weh tut!“Ja es gibt Liebe, die weh tut, Liebe, die anstrengt. Die Liebe in schlechten Tagen, in Krankheit, in Krisen. Es gibt den Schmerz der Liebe, die keine entsprechende Gegenliebe findet und auch die Liebe, die nach der Liebe Gottes ruft und anscheinend keine Antwort erfährt.
Lieben, bis es weht tut! –wer mit dieser Absicht unter dem Kreuz steht, wird erleben, dass der Tod am Kreuz Anfang eines österlichen Triumphes ist. Aber zuerst gilt es unter dem Kreuz auszuharren.

Du Held aus Juda – es ist vollbracht!
Du hängst tot am Kreuz.
Ich schaue auf Dich.
Du hast gesagt: wenn ich über die Erde erhöht bin,
werde ich alle zu mir ziehen.
Lass mich jetzt nicht ein teilnahmsloser Zuschauer sein,
ziehe mich zu Dir!
Du, der Du die Liebe bist, hast nichts für Dich zurückbehalten,
sondern all deine Liebe aus Deinem Herzen strömen lassen,
damit sie auch in mir Frucht bringt.

Hilf mir lieben, Herr.
Manchmal ist die Liebe auch anstrengend,
manchmal tut sie auch weh.
Lass mein Herz Deinem Herzen ähnlicher werden,
das weder Hass kannte, noch Rache oder Groll,
keine Eifersucht und Neid, nur Liebe.
Das Böse war mächtig in deinen letzten Stunden.
Der, der liebte, wurde verschmäht, verlacht, gegeißelt,
mit Dornen gekrönt
und schließlich ans Kreuz geschlagen.
Verraten, verleugnet und verlassen von den Freunden.

Das Böse will immer wieder Macht über mich gewinnen.
Wie schnell gewöhne ich mich daran.
Ein Mangel an Liebe hier, eine Untreue da,
eine Unklugheit dort
und schon sind meine Augen und Ohren,
mein Herz verschlossen für Dich und die Menschen.

Du Held aus Juda aber siegst mit Macht.
Du hast das Böse besiegt.
Erhöht am Kreuz will dein kostbares Blut
mein sündiges Herz und die sündigen Herzen aller Menschen
zu allen Zeiten und an allen Orten heilen.
So bahnst Du uns den Weg zum Vater.

Lass mich aushalten unter Deinem Kreuz,
nur so kann ich Ostern erleben,
das Fest der Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit,
das Fest der Freude in aller Traurigkeit,
das Fest des Lebens in der todgeweihten Welt.
Hier, heute, unter Deinem Kreuz beginnt es. Amen
Wilfried Schumacher

„Es ist vollbracht“- aus der Johannes-Passion von J.S.Bach

(c) Wilfried Schumacher

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