Vom hohen Roß gestiegen – St.Martin geht auf Augenhöhe

Vor dem bischöflichen Ordinariat in Rottenburg steht diese moderne St.Martins Skulptur. Als ich sie zum ersten Mal sah, wurde ich erinnert an den Bilderzyklus in der St.Martinskirche in Zillis in der Schweiz. Dort sieht man in 153 romanischen Bildern: das Leben Jesu.

Allerdings die Leidensgeschichte endet mit der Dornenkrönung. Kein Bild von der Kreuzigung, von der Auferstehung, Himmelfahrt oder Pfingsten
stattdessen folgt die Mantelteilung des Hl. Martin.
So als ob der Künster des 12.Jhdts. uns sagen möchte: den Kreuzestod Jesu kann man nicht einfach nur anschauen so wie man ein Theaterstück, einen Film anschaut. Es geht seit Jesu Tod am Kreuz ums Mit-Leiden.

Das Mitleiden und die Empfindsamkeit für das Leid des anderen ist die Konkretion der Compassion mit dem Gekreuzigten.

Martin macht es uns vor: er steigt herab vom eigenen hohen Roß auf die Ebene der Armen, geht auf Augenhöhe mit ihnen. So entsteht für ihn im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Welt-Anschauung.

(c) Wilfried Schumacher

Zum Allerseelentag – Die Lebensprobe

Der Tod führt in unserer Welt ein Einsiedlerdasein –
wir haben ihn abgeschoben und verdrängt –
wenn dann aber der Tod in unser Leben tritt,
wenn jemand stirbt, den wir geliebt, gekannt, geschätzt haben,
werden wir unsicher, verlegen, befällt uns die Angst –
der Tod des Anderen bringt die Wahrheit über uns mit sich; wir ahnen, der Tod ist der Ernstfall des Lebens!
Reden wir also nicht nur von den Toten, reden wir auch von uns.

Im Johannes-Evangelium steht das Wort Jesu:
Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.

Winzer sein, d.h. nicht zuerst Wein ernten und verkaufen, sondern sich um den Weinstock und die Rebe kümmern. Der gute Wein fällt nicht vom Himmel, er fällt auch nicht in den Schoß. Der Winzer muss oft in den Weinberg gehen, um am Ende die Traube zu ernten.
Vor diesem Hintergrund: welch eine Aussage: Gott ein Winzer! Gott kümmert sich um uns!

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, sagt Jesus.
Wo wir nur die edlen Reben sehen und von ihnen sagen, sie seien wie „gemalt“ – sehen wir nur den letzten Stand. Nicht den Regen, nicht den Wind, nicht die Schädlinge, nicht all’ das, was das vergangene Jahr gebracht hat. Wer mit geschultem Auge die Reben betrachtet, sieht an ihnen die Geschichte eines Jahres.

Für unsere Toten ist mit ihrem Tod die Zeit der Ernte gekommen. Der Winzer betrachtet die Ernte und fällt sein Urteil über den Ertrag, den sie bringt. Unsere Toten sind in die Hand Gottes gelegt worden. Der weiß, was ihr Leben ausgemacht hat.

Für den Winzer gibt es besondere Gelegenheiten, seinen Wein vorzustellen. Man spricht von der „Weinprobe“. Probieren geht über Studieren, sagen die Leute. Und lassen sich auf der Zunge zergehen, was ihnen an Köstlichkeiten gereicht wird. Schlucke, ja, Schlückchen genügen, um über den Wein ins Schwärmen zu geraten. Geradezu blumig wird über ihn geredet. Aber die Kenner verstehen – auch ohne Formeln, ohne Befunde, Wein ist etwas Schönes, ist ein Geschenk! Ein Wunder! Ein Gedicht! Vielleicht ein Gebet.

Was aber ist, wenn statt der Weinprobe die Lebensprobe angesagt wird? Da vergeht vieles nicht mehr auf der Zunge, sondern bleibt im Halse stecken. Geschwärmt wird auch nicht immer. Dafür ist vieles zu sauer, zu fade, hat manches einen schlechten Beigeschmack. So mancher Mensch bleibt ganz allein mit der Probe seines Lebens.

Der Allerseelen-Tag lädt immer auch, das eigene Leben zu betrachten. Wird man von mir sagen, dass ich ein „guter Jahrgang“ bin?

Bitten wir deshalb, dass es uns gelingt, dem Bild des Evangeliums zu entsprechen: Ich möchte wie die Rebe am Weinstock sein. Wachsen. Die Erde und die Sonne aufnehmen. Für Menschen eine Freude werden. Ihr Leben schön und reich machen. Zu einem Fest einladen. Jesus, der sich als Weinstock vorstellt, hat besonders die Mühseligen und Beladenen zu sich gerufen. Mit ihnen hat er gefeiert. Vor den Augen der Menschen, die sie längst abgeschrieben haben. Wein ist ein Bild für Leben.

Von vielen Toten, die wir beweinen, können wir gewiss sagen, dass sie ein guter Jahrgang waren. Beten wir für sie an diesem Tag und seien wir dankbar. Vor allem aber lassen wir ihnen einen Platz in der Schatzkammer unseres Herzens, wo die guten Erinnerungen aufbewahrt werden.

(C) Wilfried Schumacher

Eine schwere Tür für Kinderhände

Alle Jahre wieder werden die Bundesbürger nach ihren Idolen befragt. Die Liste, die veröffentlicht wird, nennt viele Namen: Sportler und Politiker, Musiker und hin und wieder auch Kirchenleute. Jedoch die Gloriolen der Vorbilder verblassen schnell und manch einer muß feststellen, daß die oberste Klasse nur wenigen vorbehalten ist. Wer von uns vielen wird schon ein Olympiasieger, Spitzenpolitiker oder Schlagerstar? Da lohnt es der Mühe kaum, sich anzustrengen, um es ihnen gleichzutun.

Ein Heiliger allerdings, das kann jeder werden! Sie sind Menschen wie wir, keine Sonderlinge. Der Blick in ihre Biographien zeigt: jeder von ihnen ist seinen Weg unter ganz konkreten Bedingungen gegangen, und straft dabei alle jene Lügen, die behaupten, das Evangelium sei nicht lebbar.

Gewiß, da fällt einem manche Legende ein, die die Dargestellten zu „seltsamen Heiligen“ macht, versehen mit übermenschlichen Kraften und Fähigkeiten.

In Wirklichkeit bestand ihr Leben nicht aus den großen Taten, die auch heute noch Schlagzeilen machen würden. Ihre Größe bewiesen sie in den kleinen Dingen des Alltags, da wo sie sich nicht anpaßten, nicht Schritt hielten mit der Welt, sondern ausstiegen und in die Fußstapfen Jesu traten.

Manche haben es in ihrer Begeisterung für dieses Lebenszeugnis mit der Verehrung übertrieben. Die Schriftstellerin Hilde Domin kritisiert in einem ihrer Gedichte diese Fehlentwicklungen, die die Heiligen zu „Vikaren des Unmöglichen“ machten. Schließlich begründet sie, weshalb sie doch auf ihren Sockeln bleiben müssen: „Sie bleiben der Kinder wegen…damit es eine Tür gibt, eine schwere Tür für Kinderhände, hinter der das Wunder angefaßt werden kann“.

Die Männer und Frauen auf unseren Altären, die wir an diesem Tag besonders verehren, öffnen uns die Tür in unsere Zukunft, denn von ihnen glauben wir, daß ihr Leben nicht im Nichts versunken ist, sondern alles, was ihr Leben ausgemacht, mehr noch: sie selbst aufgehoben sind bei Gott. Indem wir sie hochschätzen, feiern wir auch unsere Zukunft, jenes Leben, das uns alle erwartet, wenn wir wie sie mit der Nachfolge Jesu ernst machen.

Bei diesen Gedanken fallen uns viele Namen ein, die wir aus frommen Büchern kennen, aber auch Menschen, die mit uns gelebt haben, von denen wir sagen: Ihr Leben war wertvoll und gut. Ihr Leben ist ihnen gelungen. Sie sind Heilige, deren Schicksal nie in einem Heiligsprechungsprozeß zur Sprache kommen wird, die sich aber hervorragend eignen als Vorbild, Leitfigur und Orientierung.

(C) Wilfried Schumacher

25.Sonntag C: Der Schuldschein ist zerrissen – nicht nur reduziert

Tageslesungen
Amos 8,4-7 | 1 Tim 2,1-8 | Lk 16,1-13

Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. (Lk 16,8b)

Wahrscheinlich hat mancher einer und eine von Ihnen schon einmal einen Kredit aufgenommen, Schulden bei einer Bank gemacht. Was hätten Sie gesagt, wenn der zuständige Mitarbeiter, die Mitarbeiterin der Bank Ihnen nach einiger Zeit ganz einfach die Hälfte der Schuld oder einen Teilbetrag erlassen hätte und Sie aufgefordert hätte, den Kreditvertrag entsprechend zu ändern? Mit Recht hätten Sie sich gewundert.

Das ist kurz gefasst der Sachverhalt dieses Falls von Wirtschaftskriminalität, die Jesus uns im Evangelium erzählt hat. Nicht nur, dass ein Verwalter offenbar durch sträfliche Misswirtschaft seinen Chef schwer schädigt. Er stiftet die Schuldner auch noch zur Urkundenfälschung an. Dabei geht es nicht um Peanuts, um kleine Beträge: Die Menge Öl, die dem ersten Schuldner erlassen wurde, betrug 18 Hektoliter, und durch die Fälschung des Weizen-Schuldscheins gehen seinem Herrn elf Zentner Weizen verloren.

Verrückt – kaum vorstellbar. Ganz verrückt wird die Sache, wenn wir hören, dass Jesus diesen kriminellen Verwalter lobt. Will er uns damit zur Gaunerei anstiften?

Nicht zur Gaunerei – aber zu klugem Handeln. Denn der betrügerische Verwalter war schon ganz klug und gerissen. Indem er sich die Schuldner seines Herrn wahrscheinlich zu Freunden macht, konnte er sich erhoffen, wenigstens bei ihnen Unterstützung zu finden, wenn er gekündigt wird und auf der Straße sitzt.

Seid klug wie die Schlangen“, heißt es an anderer Stelle im Matthäus-Evangelium (Mt 10,16) und hier eben „Seid klug wie die Kinder dieser Welt“. Klug sein – wobei?

Für Jesus ist die zentrale Frage: „Wie kann das Reich Gottes auf dieser Erde verwirklicht werden“ Wie können seine Jünger, die spricht er nämlich hier an, wie können wir, daran mitwirken?

Unsere Kirche ist im Umbruch. Wir erleben es im Kleinen wie im Großen. Und auch die Welt hat viele Themen und Probleme, bei denen auch das Mitwirken der Christen zur Lösung eingefordert wird: als Beispiel nenne ich nur den Klimawandel und die Migration. Gefragt ist Einfallsreichtum und Erfindungsgabe. Die Bibel sagt uns, wohin der Weg gehen muss: Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit, Nächstenliebe. Aber konkrete Handlungsanweisungen, wie wir vorgehen müssen, finden wir da nicht.
Die Nachfolge Jesu geschieht immer unter den konkreten sozialen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Bedingungen – und die ändern sich im Laufe der Zeit. Nachfolge Jesu muss deshalb immer klug, kreativ und innovativ sein. Da können wir zu den Kindern dieser Welt hinüberschauen – auch zu deren Wissenschaften -, um Lösungen zu finden.

Das ist für mich der eine Aspekt dieses Evangeliums. Es gibt aber noch einen anderen: für mich leuchtet im Verhalten des klugen Verwalters auch das Lebensbeispiel Jesu auf.

So gesehen, wäre dann Gott der „Herr“ in der Geschichte, und Jesus „sein Verwalter“.

Unmittelbar vor dieser Stelle im Lukas-Evangelium steht die Geschichte, die wir letzten Sonntag gehört haben. Vielleicht erinnern Sie sich. – Die Empörung der Pharisäer und Schriftgelehrten über Jesu Verhalten war groß: Unmöglich, wie der die Gnade Gottes an Zöllner und Sünder verschleudert. So wie der Vater seine Zuneigung an den Sohn verschenkt, der in der Fremde das Erbe durchgebracht hat und reumütig nach Hause zurückkehrt

Jesus tut genau das, was ihm seine Kritiker vorwerfen: Er verschleudert in seinem Handeln den Reichtum Gottes.

Einen Unterschied gibt es noch: die Schulden werden nicht nur erlassen. Paulus schreibt: „Gott hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, zerrissen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat.“ (Kol 2,14)

Wie viele unserer Zeitgenossen, vielleicht sogar wir selbst, leben in der Angst, sie könnten in ihrem Leben Gott nicht genügen? Wie viele meinen, mit frommen Übungen und Öpferchen Gott zu gefallen, damit der Schuldschein einmal zerissen werden wird. Aber: der Schuldschein ist zerrissen! Ein für allemal.

Unser Leben ist nicht die Voraussetzung dafür, dass der Schuldsein zerrissen wird, sondern die Konsequenz, weil er zerrissen ist. Freuen wir uns: der Schuldschein ist zerrissen. Das schafft Raum zum Leben!

(c) Wilfried Schumacher

Das Privileg der Armut

Tageslesungen
Weish 18,6-9 | Hebr 11,1-2.8-19 | Lk 12,32-48

Der Sonntag verdeckt heute den Festtag einer Heiligen, die vor 825 Jahren geboren worden ist: Klara von Assisi. Sie ist in der Schatzkammer der Kirche ein besonderer Juwel. Gleich einem funkelnden Edelstein leuchtet sie im Abstand der Jahrhunderte vielleicht noch klarer und farbenfroher als zuvor.
Könnten wir sie fragen, was würde sie uns antworten: Klara, wer bist du? Wer bist du für uns? So wie ein Schmuckstück je nach Sonneneinstrahlung verschieden leuchtet, so würde sie uns auch verschiedene Antworten geben: vielleicht diese vier.

1.) Ich bin die Pflanze des Franziskus, aber mit eigenen Blüten und eigenen Früchten:

„Ich bin die Pflanze des Franziskus“, so nennt sie sich selbst in ihrer Regel und in ihrem Testament; aber sie ist nicht einfach eine weibliche Kopie des Heiligen. Lange Zeit hat man von ihr nur im Zusammenhang mit Franz gesprochen – dabei ist sie doch eine Frau mit eigener Persönlichkeit.

Ihr Leben, das sie für sich und ihre Schwestern wählt, orientiert sich an der Regel des Franziskus, aber sie hat die Souveränität, ihren eigenen Weg zu gehen. Der ist bei aller Orientierung am Evangelium, immer auch an der konkreten Wirklichkeit gemessen.

Man spürt aus jeder Zeile, aus jedem Wort, das sie hinterlassen hat, wo ihre Wurzeln sind. Während jedoch Franziskus und seine Minderbrüder das Wort predigten landauf und landab, sproß die Blüte der Heiligen im verborgenen. „Klara schwieg, doch ihr Ruhm rief laut„, heißt es in ihrer Heiligsprechungsbulle (Nr. 4)“Sie hielt sich in klösterlicher Zelle verborgen, dennoch sprach man in den Städten von ihr.“ Wahrlich eine Pflanze des Franziskus, aber mit eigener Blüte und Frucht.

Vielleicht würde sie uns hinzufügen: Ihr müßt immer wissen, wo Eure Wurzel ist, aber blühen und Frucht bringen müßt ihr selber, auf Eure je eigene Weise.

2.) Ich bin eine Liebhaberin der Armut.

Damit hätte selbst ein Innozenz III., der mächtige Gegenspieler des Friedrich Barbarossa nicht gerechnet, dass eine Frau von ihm das Privilegium der Armut erbitten würde. Das gab es nicht zur damaligen Zeit. Das Feudalsystem, die überall um sich greifenden Geldwirtschaft, hatten ihre feste Ordnung: „Hast du was, dann bist Du was“, hieß es schon damals. Ein Frauenkloster bedurfte der wirtschaftlichen Absicherung durch Grund und Boden. Etwas anderes war undenkbar.

So muß der Papst zugeben, daß dieses Vorhaben „einzig sei“ (Th.v.Cel „Leben der Klara 14). Thomas von Celano, ihr Biograph, formuliert es freundlich. In Wahrheit hielt man sie wohl für verrückt, denn das päpstliche Privileg gewährt schon fast ironisch „daß ihr von niemandem gezwungen werden könnt, Besitz anzunehmen„.

Klara besitzt das Privileg der Armut – eine wohl in der Geschichte einzigartige Auszeichnung. Wie Franziskus mit der Herrin Armut vermählt ist , so gilt sie als „Liebhaberin der Armut“ (Heiligsprechung Nr.17) Der Armut Jesu will sie folgen, frei will sie sein vom Besitz, der nur besessen macht, leere Hände will sie haben, um sie von Gott füllen zu lassen.

Beschämt stehen wir dieser Frau gegenüber, wir mit unseren gefüllten Händen und vollen Taschen, mit unseren großen Häusern und unseren zahlreichen Einrichtungen. Es gibt für uns nicht das Privileg der Armut -und: wir wollen es auch nicht.

Was Klara hast Du uns zu sagen?

Ich höre ihre Frage: wovon ist denn dein Leben beherrscht? Von Gewinn und Profit? Vom Haben und Haben-müssen? Womit seit ihr beschäftigt mit dem Halten und Festhalten, mit dem Nehmen und Ergreifen, mit dem Mehren und Vermehren.

Das Privileg der Armut heißt heute : nicht haben müssen, sondern geben-können; nicht halten, sondern lassen, nicht mehren und vermehren, sondern austeilen und verteilen.

3.) Ich bin eine Frau in der Kirche

Ein Thema von brennender Aktualität heute. War Klara schon beim Thema Armut hartnäckig gewesen, so ist sie es erst recht auch bei der Abfassung ihrer Regel. Bis auf ihr Totenbett muß sie warten, bis die Regel endlich vom Papst anerkannt wird. Eine Regel – nicht aus der Feder eines Mannes, sondern von ihr selbst geschrieben. Es ist die erste Regel in der Kirchengeschichte, die von einer Frau geschrieben worden ist. Stets haben Männer den Frauen eine Regel geschrieben.

Viermal hatten ihr die Päpste einen Entwurf zu einer Ordnung für ihre Schwesterngemeinschaft vorgelegt, immer hatte Klara Bedenken gehabt. Sie trotzte der römischen Kurie, die eben erst auf dem Laterankonzil (1215) beschlossen hatte, keine neuen Regeln zuzulassen. Jedoch keiner den bekannten Texte enthielt das Privileg der Armut – Klara siegte! Sie eröffnet damit einen langen Reigen von großen Frauengestalten in der Kirche, die ihre männliche Zeitgenossen mehr als einmal in den Schatten stellten. Vielleicht kann ihr geduldiges Ausharren und Warten und schließlich ihr Sieg den Frauen heute eine Ermutigung sein, in der Kirche zu bleiben und weiter zu kämpfen.

4.) Mein Ein und Alles war es in den Spiegel der Ewigkeit zu schauen.

Klara war eine Frau der Kontemplation. Immer wieder taucht in ihren Schriften das Bild vom Spiegel auf. So schreibt sie an Agnes von Prag „Stelle deine Gedanken vor den Spiegel der Ewigkeit“. In einem Spiegel sehen wir uns selbst, spiegeln wir uns selbst in unserer Vergänglichkeit und unserer Schönheit. Was stellen Menschen nicht alles an, um beim Blick in den Spiegel nicht erschrocken zu sein. Die Eitelkeit beherrscht ihr Handeln: wie schaue ich aus? wie kann man mich anschauen? welches Bild haben die Menschen von mir? wie beurteilen sie mich? – Fragen, die wir nicht nur vor dem Spiegel haben.

Uns vor den Spiegel der Ewigkeit stellen, bedeutet wohl, nicht uns, sondern Gott in diesem Spiegel zu sehen. In den Spiegel der Ewigkeit schauen heißt, nicht unseres Äußeres erblicken, sondern unseres Inneres, unsere Seele. Es meint, das zu schauen, was vor der Ewigkeit Bestand hat.

Klara kannte keine Trägheit im Gebet, stundenlang konnte sie sich ins Gebet vertiefen, „weilte sie dem Leib nach auf Erden, dem Geiste nach im Himmel“ (Celano Nr.20). Sie konnte sich so in die Begegnung mit Gott versenken, daß es schien „als halte sie stets ihren Jesus in den Händen“ (ebd. Nr.19).

Wir müssen gestehen, daß für uns das Gebet oft eine lästige Pflicht ist, ein Termin im Tagesablauf, oft unwichtiger als der uns aufgetragene Dienst – vielleicht gelingt es uns deshalb kaum, in den Spiegel der Ewigkeit zu schauen.

Klara von Assisi – eine große Frau. Ein Vorbild und Beispiel der Christusnachfolge.

(c) Wilfried Schumacher

18.Sonntag C: Jedermann

Tageslesungen
Koh 1,2; 2,21-23 | Kol 3,1-5.9-11 | Lk 12,13 – 21

So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist. (Lk 12,21)

In diesen Wochen finden die Salzburger Festspiele statt. Zum Standardrepertoire gehört seit Jahrzehnten „Jedermann“ von Hugo von Hoffmannthal, das Spiel vom Sterben des reichen Mannes.

Es ist wohl nicht nur die einmalige Kulisse des Salzburger Domplatzes und die prominente Besetzung, die jedes Jahr so viele Zuschauer anzieht. Es muss wohl auch mit dem Inhalt zu tun haben.

Gott befiehlt dem Tod, Jedermann vor seinen göttlichen Richterstuhl zu bringen. Der reiche Jedermann, der sein Leben in Saus und Braus führt und wenig Mitgefühl mit den Sorgen seiner Mitmenschen kennt, gibt an diesem Tag ein großes Bankett für seine Freunde.

Beim Festmahl hört er seinen Namen rufen. Als plötzlich der Tod auftritt und ihm sein Ende verkündet, verlassen ihn seine Freunde. Jedermann bittet den Tod, sich einen Begleiter für seine letzte Reise mitnehmen zu dürfen.

Doch alle, selbst sein Vermögen in der Rolle des Mammon, verweigern die Gefolgschaft. Erst nachdem er Reue über sein Leben gezeigt hat, findet er Begleiter in den „Guten Werken“ und dem „Glauben“.

Der Teufel erhebt Anspruch auf die Seele, wird aber vom Glauben abgewiesen. In der versöhnlichen Schlussszene geht Jedermann in Gottes Verzeihung ein.

Der Stoff, aus dem der Dichter Hugo von Hofmannsthal schöpfte, ist uralt, immer aktuell und zeitlos. Dem Text liegt eine große Lebensweisheit zugrunde. Ich vermute, dass Hofmannsthal das heutige Evangelium gekannt hat. Es ist das Evangelium vom „Jedermann“. Unter „Jedermann“ ist jeder Mann, aber auch jede Frau gemeint.

Die Meinung ist weit verbreitet: „Wer Geld hat, kann sich alles leisten. Dem geht es gut“. Der Mythos über Geld und Mammon ist bei Jung und Alt gewaltig. Dieser Mythos hat sich durch alle Jahrhunderte gehalten. Doch keiner von uns kann sein Leben durch Reichtum absichern. Auch wenn ein Manager hohe Abfertigungen bekommt, ist er vor dem Tod nicht gefeit.

Dann muss jeder Rechenschaft von seiner Lebens-Verwaltung ablegen. Bei Hugo von Hofmannsthal geht der reiche Mann nicht unter, sondern heim zu Gott. Das Vertrauen und der Glaube an Gottes Treue rettet den reichen Mann.

Im Evangelium jedoch wissen wir nicht, wie der Mann auf Gottes Ruf reagiert. Nur eines wissen wir: wie unsere Geschichte nach dem Tod weitergeht, das entscheidet sich – wie beim Jedermann – in unserem Leben, ob wir nur für uns selbst Schätze gesammelt haben oder ob wir reich sind bei Gott.

(c) Wilfried Schumacher

17.Sonntag C: Abraham feilscht um Menschen

Tageslesungen
Gen 18,20-31 | Kol 2,12-14 | Lk 11,1-13

Abraham konnte feilschen. Ein echter Orientale. Man sollte hellwach sein, wenn man von ihm ein Kamel oder einen Teppich kauft. Beim ursprünglichen Preis wird es nicht bleiben. Aber hier feilscht Abraham nicht um ein Kamel und nicht um einen Teppich. Hier feilscht er um das Leben von Menschen. Mehr noch, es geht um die Gerechtigkeit überhaupt.

Man versteht das etwas besser, wenn man die zwei Verse hinzunimmt, die vor der heutigen Lesung aus dem Buch Genesis stehen. Gott hatte Abraham verheißen, dass er zum Segen werde allen Völkern der Erde (Gen 12,3). Deswegen zieht Gott ihn ins Vertrauen. Unrecht und Ausbeutung in Sodom sind zu Gott gedrungen, denn wo kein Richter auf Erden den Schrei des Armen hört, dringt der Schrei zu Gott. Laut aber ist der Schrei über Sodom. Das Unrecht und die Gewalt der Bewohner bringen der Stadt den Untergang. Gott findet, Abraham sollte das wissen, denn er „soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen“ (Gen 18,18).

Deswegen legt Abraham Fürbitte ein vor Gott. Der „Vater des Glaubens„, wie ihn Paulus nennt (Röm 4,12), ist auch ein Lehrer des Gebets.

Für ihn ist Beten der Einsatz vor Gott und das Ringen mit Gott um das Leben der Menschen. Nicht weil Gott das Leben der Menschen bedrohen würde. Im Gegenteil: Weil nur so der Schrei des Armen auf Erden gehört wird, wenn schon nicht von den Zuständigen und Richtern, so doch von den Betern.

Abraham tritt nahe heran an seinen Gott, voll Vertrauen. Und dann feilscht er mit Gott im Gebet, wie es nur ein Orientale kann.

Schließlich einigen sie sich: zehn Gerechte können Sodom vor dem Untergang bewahren. Die Bibel macht keine Angaben, wie groß die Stadt war. Aber zehn Gerechte – und patriarchalisch wie wir sind, meint das natürlich zehn Männer plus Frauen, Kinder und Sklaven – sind wohl bestenfalls ein paar Prozent der Einwohner. Aber diese könnten das Ruder herumwerfen.

In Demokratien zählt die Mehrheit. Das ist auch gut so. Dort aber, wo himmelschreiendes Unrecht geschieht, dort kommt es auf die ganz wenigen an, die sich dem Unrecht widersetzen. Die Resignation vor der Masse ist keine Entschuldigung vor Gott. Es hätten zehn Gerechte ausgereicht, Sodom vor dem Untergang zu bewahren.

Zehn Männer braucht es für einen jüdischen Gottesdienst.  Zehn (egal ob Männer oder Frauen!), die nicht verstummen, sondern den Schrei der Armen vor Gott tragen, können etwas bewirken. Vor Gott und im Gebet durchbrechen sie das Schweigen, das den Mächtigen nützt, um weiter Unrecht zu üben.

Gott schenkt seine Nähe dem, der sich ihm nähert. Im Gebet verweben wir unsere Welt mit Gottes Gegenwart. Dort wo gebetet wird kann Gottes Geist gegenwärtig sein. In Abraham wird deutlich, dass Gott den Menschen ernst nimmt als Partner.

Der betende Mensch ist ein Segen für andere. Denn wo Gottes Namen genannt wird, da wird daran erinnert, dass der Mensch nicht dazu bestimmt ist, Spielball der Mächtigen dieser Welt zu sein, sondern Gottes Ebenbild.

(c) Wilfried Schumacher

16.Sonntag C: Ein ausgewogenes Leben

Tageslesungen
Gen 18,1-10a | Kol 1,24-28 | Lk 10,38-42

Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.(Lk 10,41)

Kann es sein, dass das heutige Evangelium Sie ärgerlich macht und Ihren Widerspruch auslöst? Zählt denn für Jesu die oft mühselige Arbeit der Hausfrauen und neuerdings auch Hausmänner gar nichts? Warum kommt die tüchtige Marta so schlecht weg bei Jesus?

Sie handelt so, wie wahrscheinlich alle Hausfrauen handeln würden: sie hat die Situation voll im Blick, sie weiß sofort, was notwendig ist, um dem Gast etwas Gutes zu tun: Wasser holen, Feuer machen, ein Essen bereiten.

So ist Martha, sie sieht und packt an. Da steht der aktive Dienst im Vordergrund. Sie ist ganz in Anspruch davon genommen, für Jesus zu sorgen. Sie will der Situation gewachsen zu sein. Der Meister ist zu ihr ins Haus gekommen (und wahrscheinlich mit ihm auch seine Jünger): eine einzigartige Gelegenheit für jede gute Hausfrau.

So wird sie durch das Haus gewirbelt sein, ihre Vorräte zusammengesucht haben, überlegt haben, was denn angesichts einer solchen Herausforderung möglich sein wird.

Doch Martha scheint die Situation verkannt zu haben: Jesus ist in dieses Haus gekommen, um ihm den Frieden zu bringen, stattdessen kommt es in diesem Haus nun zu Aufgeregtheit und Angst.

Diese Aufgeregtheit schafft weiteres Unheil: Herr, macht es dir nichts aus, daß Maria die ganze Arbeit mir überläßt, tritt sie an Jesus heran. Andere Übersetzungen formulieren hier: Herr, macht es dir nichts aus, daß meine Schwester die Bedienung mir allein überläßt?“

Martha hat total verkannt, was der Wille Jesu ist: er will nicht bedient werden, er will nicht, daß sich Menschen Sorgen und Ängste machen, nur um ihn recht zu bedienen. Es kommt noch schlimmer: statt sich direkt an Maria zu wenden und sie zu bitten, ihr zu helfen, wendet sie sich mit einem Vorwurf an den Gast.

Er, der aufgenommen werden sollte, er, den sie mit ihrem Tun eigentlich ehren wollte, wird nun gescholten: Herr, kümmert es dich nicht – ein sehr hartes Wort, im Neuen Testament eigentlich in diesem Sinn einmalig: Jesus wird getadelt. Martha hält dem Meister eine Predigt: Sag‘ ihr, sie soll mir helfen.

Das heißt doch nichts anderes als: Meister, du lehrst doch die Nächstenliebe, warum setzt Du sie jetzt nicht in die Tat um. Du lehrst doch, dass wir einander helfen sollen und siehst nicht, wie Maria mich im Stich lässt. Damit hat sie den Spieß geschickt umgedreht: Nicht mehr sie und ihr Ehrgeiz ist das Problem, sondern die Schwester, die sie im Stich lässt. Und Jesus wird ermahnt, sich an das zu halten, was er lehrt.

Wir spüren, wie verfahren plötzlich die Situation ist, wie dieses Einmischen Marthas uns frösteln lässt, eine zerstörerische Wirkung hat. Was ist geschehen?

Wir können es auf einen Nenner bringen: statt zu der Wahrheit zu stehen, statt sich einzugestehen, nicht alles zu schaffen, was sie sich selbst vorgenommen hat, statt vielleicht auch ihre Mühe und ihre Überforderung ins Wort zu bringen, platzt sie voller Emotionen in die Situation, geht sie zum Angriff über. Die Schuld wird beim anderen gesucht.

Hier können wir ein wenig bei uns verweilen, und uns fragen, wie wir mit ähnlichen Situationen umgehen:

  • dann, wenn wir uns überfordert, müde fühlen;
  • dann, wenn wir merken, dass wir einer Arbeit nicht gewachsen sind,
  • dann, wenn wir merken, dass wir mit etwas nicht zurechtkommen.

Sind wir dann in der Lage, uns selbst ins Wort zu bringen, sind wir dann in der Lage zu äußern, dass uns dieses und jenes nicht gelingen kann, nicht gelingt; können wir sagen, was uns querliegt, was uns Probleme macht? Oder äußern wir uns nur indem wir zum Angriff übergehen? Die Schuld bei den anderen suchen?

Ein unehrliches Spiel, das Martha hier treibt – und Jesus wäre nicht der Herr, wenn er es nicht aufdecken würde. Er tut es sehr liebevoll, fast schon zärtlich. Schon allein die Anrede, die zweimalige Nennung ihres Namens verrät die empathische Zuwendung des Lehrers und Meisters. Und gleichzeitig die Ernsthaftigkeit seiner Worte. „Du machst dir viele Sorgen und Mühen“, sagt Jesus.

Da schwingt zuerst einmal Verständnis für die Arbeit mit. Aber bei allem Verständnis für ihre Lage, verzichtet der Herr nicht auf den Vorwurf: Du verstehst die Situation nicht, Martha, du bildest dir etwas ein, was ich vielleicht erwarten würde und erfasst überhaupt nicht, was hier wirklich vorgeht. Nur eines ist notwendig: Maria hat das Bessere gewählt. Vom griechischen Text her übersetzt: Maria hat den guten Teil erwählt.

Das heißt Maria hat meine Gegenwart als Gabe verstanden, als etwas, dass mehr sättigt als alle Speisen, die du auf den Tisch stellen willst.

Das ist die Lektion, die Jesus der Martha erteilt. Hat sie sie verstanden? Leider geht unsere Geschichte nicht mehr weiter – aber wir könnten uns ja einmal vorstellen, was Martha jetzt vielleicht getan haben wird. Wenn sie begriffen hat, was Jesus ihr sagen wollte, dann wird sie in die Küche zurückgekehrt sein – sie wird alles getan haben, was notwendig ist, damit das Essen ein richtiges Mahl wird, wo es nicht in erster Linie darauf ankommt zu essen und satt zu werden, sondern wo man sich aufeinander einlässt, wo Begegnung geschieht.

Wenn Martha die Lektion verstanden hat, dann wird sie nach kurzer Zeit wieder erschienen sein, wird das hineintragen, was ihr möglich war, wird sich mit in die Runde gesetzt und die Gegenwart des Meisters verstanden haben.

Es geht in unserem Text nicht darum Haltungen gegeneinander auszuspielen, die Aktivität der Martha gegen die scheinbare Passivität der Maria, ihr Engagement gegen die Kontemplation der Schwester, die Nächstenliebe gegen die Meditation, den Dienst gegen das Gebet.

Ich denke mir, der Herr warnt uns in diesen wenigen Versen, die Nächstenliebe von der Gottesliebe abzukoppeln, er warnt uns vor einem Unausgewogensein. Gottes- und Nächstenliebe, Kampf und Kontemplation liegen beide auf den Waagschalen unserer Lebenswaage. Nur wenn beide richtig verteilt sind, wird unser Leben ausgewogen sein.

Martha und Maria, sind nicht feindliche Schwestern, sondern Geschwister.

In ihnen leuchten zwei Aspekte des christlichen Daseins.

Ich denke, mein Leben ist dann geglückt, wenn es mir gelingt, jedem dieser beiden Bereiche den entsprechenden Raum zu gewähren. Nur dann, wenn Maria und Martha in meinem Leben gleichberechtigt sind, wenn Gottes- und Nächstenliebe miteinander harmonieren, wenn sie im Einklang miteinander schwingen, wenn sich Gottesliebe und Nächstenliebe gegenseitig ergänzen und befruchten, dann lebe ich ein Leben, das mir, das den Menschen und Gott Freude macht, weil ich dieses Leben ganz lebe.

(c) Wilfried Schumacher

15.Sonntag C: Den Menschen in den Blick nehmen

Tageslesungen
Dtn 30,9c-14 | Kol 1,15-20 | Lk 10,25-37

Und wer ist mein Nächster? (Lk 10,29b)

Geburtshelfer wissen es: Mütter, deren Kind zur Adoption direkt nach der Geburt freigegeben wurde, dürfen das Neugeborene nicht sehen! Denn der Blick löst stärkere Muttergefühle aus, als der 9monatige Körperkontakt.

Im „kaukasischen Kreidekreis“ erzählt Bert Brecht von der Magd Grusche, der das Kind der Gouverneurin zugeschoben wird, die geflohen ist. „Es schaut einen an wie ein Mensch“, sagt sie und andere warnen sie: „Dann schau du’s nicht an“. Schließlich kann sie es doch nicht lassen. Der Sänger, der im Stück als Kommentator auftritt, stellt fest: Lange saß sie bei dem Kinde bis der Abend kam, bis die Nacht kam. Bis die Frühdämmerung kam. Zu lange saß sie! Zu lang sah sie.“
Sie nimmt das Kind an und sorgt für das Kind.

Der Blick eines Menschen ist mehr als die Abbildung des Lichtes auf der Netzhaut. Das Auge ist mehr als eine Kamera.

Der Blick eines Menschen kann den Menschen verwandeln, ihm eine Welt eröffnen, die er bisher nicht wahrgenommen hat: Denken Sie an die Magd Grusche oder an die vielen Beispiele, wo Menschen einander kennen und lieben gelernt haben.

Vom Blick ist auch im heutigen Evangelium die Rede. Zwischen Jerusalem und Jericho ist ein Mann unter die Räuber gefallen. Halbtot lassen sie ihn in der Wüste liegen.

Ein Priester und ein Levit kommen des Weges, von beiden heißt: „er sah ihn und ging weiter! (besser noch: ging auf die andere Straßenseite)“

Sie nehmen den Anspruch, der sie im Blick trifft nicht wahr! Sie schauen wie eine Kamera.

Ein dritter kommt des Weges: ein Samariter, ein Ausländer, einer von denen, mit denen die Juden in offener Feindschaft lebten. Von ihm heißt es: er sah ihn und hatte Mitleid – besser noch: er hatte Erbarmen.

Das Wort „Erbarmen“ hat im hebräischen die gleiche Wurzel wie das Wort“Mutterschoß“.

Erbarmen haben bedeutet also nicht: von oben herab ein Almosen geben.
Erbarmen bedeutet: zugewandt, zugeneigt sein wie die Mutter auf das Kind bezogen ist.
Erbarmen haben – heißt: unsere Existenzen werden miteinander verknüpft.

Da ist es nur konsequent, was dann beschrieben wird: er ging zu ihm hin.

Der Samariter handelte, er tat, was für den Augenblick notwendig war. Der Blick hatte ihn verwandelt: aus dem Feind wurde der Nächste. Die Reise wird unterbrochen. Im Blick lag der Anruf, den er wahrnimmt. – er ermöglicht das Leben.

Das Wort Jesu an den Gesetzeslehrer Geh hin handele genau so! ist auch das Wort Jesu an uns.

Es gibt viele Menschen an unserem Weg, viel zu viele.
Nicht alle brauchen mich, können mich gebrauchen – und: ich kann nicht allen helfen.
Das Evangelium lädt uns ein:
mit offenen Augen durch die Welt zu gehen,
die Menschen wirklich in den Blick zu nehmen,
den Anruf zu hören, der uns auf diesem Weg erreicht,
vor allem aber, dass wir Erbarmen haben,
dass ich meine Existenz mit der Existenz des anderen verknüpfe – weil sein Anblick mich verwandelt hat.

(c) Wilfried Schumacher

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14.Sonntag C: Die Schafe müssen den Hirten vorangehn.

Tageslesungen
Jes 66,10-14c | Gal 6,14-18 | Lk 10,1-12.17-20

„Geht! Siehe ich sende Euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“ (Lk 10,3)

Würden Sie da mitmachen? Würden Sie sich senden lassen als wehrloses Schaf in ein bissiges Wolfsrudel. Nein, danke – da würden wir abwinken und fragen: gibt es vielleicht eine Alternative?

Die gibt es nicht! Die Verse aus dem 10.Kapitel des Lukas-Evangeliums sind so radikal – dass man sie am liebsten mit vielen gutgemeinten Worten entschärfen möchte – und das können wir als Kirche gut, wenn es um die Radikalität der Botschaft Jesu geht.

Stellen wir uns dieser Botschaft:
„72“ sendet Jesu aus – die 12 Apostel reichen für das Projekt nicht aus. „72“ braucht er – eine symbolische Zahl gewiss – 72 bedeutet die Weltbevölkerung in ihrer Gesamtheit und sagt uns, hier geht es nicht nur um die Städte und Ortschaften Palästinas. „72 andere“ – vielleicht waren auch Frauen dabei. Nehmen wir es mal an, denn ohne die Frauen ist das Reich Gottes nicht denkbar.

Zu zweit“ sendet Jesus sie aus – diese „Kleinigkeit“ hat die Kirche bald vergessen. Aus den Zweiergruppen sind sehr schnell Einzelkämpfer geworden bis heute– eingebunden in eine Hierarchie, die immer nur den Einzelnen kennt – drüber oder drunter. Aber Jesus wusste schon, gemeinsam geht es besser. Zu zweit kann man sich stützen und schützen, einander helfen, trösten, gemeinsam Frust abbauen, usw., wenn es um die Verkündigung der Botschaft Jesu geht.

Es geht ihm dabei darum, dass seine zentrale Botschaft verkündet wird: Das Reich Gottes ist nahe! Diese Botschaft ist ihm so wichtig, dass die Jünger sie sogar noch dort hinterlassen sollen, wo man sie ablehnt: „selbst den Staub, der an unseren Füßen klebt, lassen wir zurück; doch das sollt ihr wissen: das Reich Gottes ist Euch nahe.“(Lk 10,11)

Jesus wusste, was er wollte, als er seinen Jüngern empfahl:
Geht arm und ungeschützt zu den Menschen.

  • Vermeidet jeden Verdacht, in die eigene Tasche wirtschaften zu wollen (indem ihr etwa von Haus zu Haus zieht und euch überall das Beste heraussucht).
  • Redet nicht nur vom Gottvertrauen, sondern lebt danach, indem ihr jeden Tag darauf wartet, dass euch das Nötige (das ‚tägliche Brot‘ des Vaterunsers) gegeben wird.
  • Je weniger ihr euch selber und dem Geld dient, desto mehr dient ihr Gott, desto mehr folgen euch die Menschen, desto mehr tragt ihr dazu bei, dass das Gottes Reich auf Erden ankommt.“

Wir spüren, dass er recht hat: unsere Kirche hat zur Zeit eine Glaubwürdigkeitskrise, nicht nur wegen der furchtbaren Missbrauchsfälle. Das Geld steht viel zu oft im Vordergrund kirchlichen Denkens und Handelns, unsere Kirche ist reich. Oft geht es nur um Machterhalt, ums Recht haben und Recht behalten. Das Thema „Frau in der Kirche“ beschäftigt zur Zeit viele. Was können wir tun angesichts des Priestermangels? Was für ein Gewicht hat die Liebe zwischen zwei Menschen, auch wenn es zwei Männer oder zwei Frauen sind? Die Liste der Gründe für die gegenwärtige Situation der Kirche ist lang. Wir brauchen dringend den synodalen Weg, das Gespräch von Bischöfen, Priestern und Laien auf Augenhöhe, das Ringen um die Wege in die Zukunft.

Jesus selbst gibt dafür die Wegweisung: an seiner Botschaft muss sich alles Handeln orientieren: Das Reich Gottes ist nahe!

Doch schon in unserem Evangelium wird klar: der Mensch kann sich weigern, diese Botschaft anzunehmen –aus Angst, Desinteresse oder Misstrauen. Und das erleben wir auch:

Da, wo wir leben am Arbeitsplatz, im Verein, in der Nachbarschaft, in der eigenen Familie, überall. Dort treffen wir mit unserer christlichen Überzeugung auf Gleichgültigkeit und auf Ablehnung. Auf Menschen, die uns zurückweisen. Die nichts davon wissen wollen.

In manchen Situationen braucht es vielleicht ein klares Zeichen der Abgrenzung. Ich schüttle den Staub von meinen Füßen. Mit Dir will ich nichts zu tun haben, nicht mal deinen Dreck will ich haben, um in der Sprache des Evangeliums zu bleiben.

Trotzdem: das Reich Gottes ist nahe. Wir müssen nicht nur frustriert sein, wir können uns weiter bemühen, Frieden zu stiften, Menschen zu heilen in ihrer Traurigkeit, in ihrer Verzweiflung, in ihrem Gefühl, nichts wert zu sein.

Menschen, die so handeln, deren Namen sind im Himmel verzeichnet. Das ist nicht kein Verzeichnis von Fleißkärtchen, die wir am Ende des Lebens vorweisen können. Wer im Himmel verzeichnet ist, der gehört zum Himmel, zu Jesus, zu Gott.

Mit dieser Aussicht lässt sich dann auch aufbrechen – wie Schafe, d.h. wenigstens zu zweit, miteinander, auch unter die Wölfe. Und manchmal müssen die Schafe dabei auch den Hirten vorangehn.

(c) Wilfried Schumacher